Donnerstag, 8. September 2016

Eingebrannt - Raymond Pettibone

Homo americanus

Mike Hammer, Terentino mit Pulp fiction, Vavoom, Goo ... Eine Comicserie, Filme, Amerikanische Alltagsgefolgschaften, die Eisenbahn, Walden und Thoreau ... Wahnsinn. Alles immer wieder und wieder, Schriftzüge, Texte, Zeichnungen in schwarzen Bildrahmen wie Ausschnitte eines Comics, Figuren mit Tusche und Pinsel gezeichnet, intensiv durchlebte Wellen und Firguren.

Am nächsten Morgen sind sie alle noch da, wandern durch meinen Kopf, nehmen meine Gedanken mit, in Bildform. Eingebrannt. Diese Ausstellung hat sich eingebrannt, jenseits von normalem Kunstbesuch.

"Weißt Du wer das ist?" sagt mein Freund. "wer?", "Na der Guide, der die Führung leitet." " Nee." "Ekki (oder schreibt er sich Ecki?)" sagt mein Freund. "Hm, kennst Du den?" "Das ist Ekki, der im FFN eine zweistündige Sendung über Punk gemacht hat. Jeden Abend, an dem er auf Sendung war, habe ich vor dem Radion gesessen. Der war so großartig. Diese Stimme, ey..." Und nun steht er hier und steht in der überbordenden Ausstellung in den Phoenix-Hallen in Harburg mit Werken von Raymond Pettibone - Punk der Bildkunst - DER Punk der Bildkunst ... auch wenn er es nicht hören mag, er, Raymond Pettibone.

Harte Kost, das wußte ich. Dokumenta 11, das war 2002, da habe ich seine Arbeiten in einem Raum gesehen, der über und über voll war mit seinen Zeichnungen, seinen Zeichnungen mit Text. Ich erinnere Bomben, Flugzeuge, seltsame Figuren, unverständliche Texte. Schön war das nicht. Aber unter den vielen Werken, die ich bei meinem ausdauernden und langen Besuch damals auf der Dokumenta 11 noch in Erinnerung habe ist es das von Pettibone... was noch? Nein, nur Pettibone.

Nun also die Ausstellung in der Sammlung Falckenberg. Schon einmal bin ich in den Phoenix Hallen gewesen, in einer Ausstellung über Idylle. Tolle Räume, weiß ich noch, riesig groß, weitläufig. Und moderne Werke, anders als in den Kunsthallen.Sammlung eben!

Mein Freund ist kein Kunstgänger, aber ich weiß, er liebt PUNK. Punk durch und durch, von subversiv bis gesellschaftskritisch, schräg, eigenwillig, direkt, unschön, oder mit einer eigenen Ästethetik. Stark und rhytmisch, schwarz, Subkultur? Wir stehen vor einer Wand aus Schallplattenhüllen. Darauf Bilder von Pettibone, Platten von The Flag (erinnere ich das richtig?). "Punk", sagt mein Freund, "Das ist Punk!" Ekki schaut ihm direkt in die Augen, und sagt "Das ist Punk." Wir kommen etwas zu spät, die Führung hat schon seit 10 Minuten begonnen uns soll doch nur noch 20 Minuten dauern. Der Guide, Ekki, führt auf unkonventionelle Weise durch die Ausstellung. Selber in den siebziger Jahren (?) aus den USA  nach Deutschland gekommen, blättert er vor uns auf die Welt der Amerikaner, macht begeiflich, worauf sich Pettibone in seinen Werken bezieht, schlägt Brücken zwischen Bildern, Fernsehen, Filmen, Kultufiguren und - natürlich - Punk!

Die Führung dauert noch gute 60 Minuten. Ein Geschenk, eine echte Wanderung durch Geschichte, ein Einblick in das Werken und Arbeiten eines Künstlers, der, so denke ich, seine Zeit intensiv erfasst haben muss, direkt dran gewesen sein muss und es immer noch ist, an den Themen der Zeit, dem Abseitigen, dem Eigenen und dem, was alle leben gleichzeitig. In den Bildern entsteht eine eigene Welt, die den Glanz des Hollywood Amerikas zu einem aufregend distanzierten Blick auf eine Art zu Leben werden läßt, ein Blick, der den Hochglanz und die Konsumidylle, wie ich sie mir für Amerika vorstelle, erst bekömmlich macht. Die "Dreckigkeit" oder das "Dustere" in seinen Bildern ist für mich weit entfernt von Schönheit, aber es ist wie der einzig mögliche Ausgleich für dieses AMERIKA, dass sich so ganz anders darstellt, oberflächlich blankpoliert, klebrig süß. Es bekommt ein Eigenleben, Kult, Stream, Feeling.

Auf drei Etagen hängen Zeichnungen und gerahmte Bilder, begonnen mit den Anfängen seines Schaffens noch zu den Zeiten seines Studiums der Betriebswirtschaft. Comics entstanden, Hefte, in denen er seine Sicht der Welt, die Welt abseits des American Way of live, in Geschichten beschreibt. Erst gedruckt, dann über den Kopierer gejagt und geheftet. Bis er aufhört auf einem Blatt wie im Comic mehrere Bilder zu zeichnen und sich auf eines - immer noch schwarz gerahmt - beschränkt. "Ekki" macht uns darau aufmerksam, dass von nun an die Bilder anders werden. Die Schriften auf den Blättern sind variabel und er erläutert, dass Pettibone diese - ja schnell fertig zu stellenden Zeichnungen - sammelt, im Arbeitsraum liegen läßt, Zeit verstreichen läßt, bis er diese wieder anschaut, dann liest, was er geschrieben hat und einen weiteren Satz, ein Statment, ein Wort hinzufügt und wieder das Blatt beiseite legt. Das Werk entwickelt sich als Dialog durch die Zeit.

Und wir erfahren, dass es Themen gibt, oder vielmehr Figuren, auf die Pettibone immer wieder in seinen Zeichnungen zurückgreift. Es sind Stars aus Zeitschriften und Filmen, so Vavoum, ein Eskimo, der mit Felix the cat unterwegs ist. "Ekki" beschreibt diese Filmfiguren, ihre besonderen Fähigkeiten und läßt uns nachfühlen, wie diese Teil eines amerikanischen Lebens sind und schließlich ihr Eigenleben finden in den Zeichnungen Pettibone, wenn Vavoum zwischen Tusche gezeichneten Bergen seinen Schrei hindurchbrüllt, Löcher in den Wald ruft ... Erst da verweben sich auch für mich Bild, Amerkia und der Künsteler zu einem ganz besonderen Gefühl für Welt.

Irgendwann kommt Farbe als Ausdrucksmittel in Pettibones Bilder. Im letzten Ausstellungsraum dann hängen Zeichnungen aus jüngster Zeit. Unglaublich kritisch über den Irak Krieg, Krieg überhaupt, und, so Ekki, fassungslos über die eigenen "Impotenz" etwas an den Geschicken dieser Welt ändern zu können - obwohl er nun ein Kunst-Millionäre ist, ein Punk.

Hier endet die Führung. Ein Kunstgenuß auf zwei Ebenen, der der Bilder und der der ganz besonderen Ausstellungserfahrung durch diesen fasziniernd erzählenden, mitreißenden Guide, der mitten in der Punkkultur in alle Richtungen die Netze vor dem Hintergrund eines so reichen und fundierten Wissens zu knüpfen vermag.

Mein Freund verschwindet nach draußen, völlig erschöpft, wie ich später erfahre, berührt, von dieser außerordentlichen Führung durch einen seiner "Helden", den FFN-Moderator von Grenzwelle (heißt es so?).

Langsam füllt sich die Phoenix-Halle. Heute, der erste Sonntag im Monat, ist der Einlass ohne Anmeldung möglich. Diese Gelegenheit nehmen viele Menschen wahr. Wir haben noch viel Zeit, die drei Etagen mit dem erschlagenden Bildumfang zu durchwandern. Chronologisch oder thematisch einen tieferen Blick auf die eine oder andere Schaffensperiode von Pettibone zu werfen.

Alle Texte seiner Zeichnungen sind amerikanisch. Leider verstehe ich die vermutliche Schärfe und den kritischen Wortlaut nicht wirklich. So muessen viele Bilder durch den Blick aufgenommen werden. Unfassbar, reichhaltig, beeindruckend. Und jenseits dessen erfahre ich eine neue Arbeitsweise der Kunst. Autodidakt hat dieser Künstler für sich eine Art entwickelt, seine Themen zu vertiefen, ist seinem Blick auf die Hippiezeit gefolgt und hat seine Sichtweise und seine Bezugsfelder als Ausgangspunkt genommen, über das alltägliche hinaus zu gehen und eine eigene Position innerhalb einer Gesellschaft einer amerikanischen Gesellschaft zu formulieren, die sich nicht vereinnahmen läßt von Klischees, von Mainstream, von Oberfläche und Trends. PUNK, Gegenkultur im Sinne eines offenen Blicks, jenseits von Schönheit und Harmonie, schroff, und liebevoll, wenn er die Figuren wie Vavoum oder Goo in seine Bilder aufnimmt und ihnen Stimme verleiht.

Eingebrannt haben sich diese Bilder in meinen Kopf, fast herzlich fühle ich mich verbunden mit so viel Schroffheit, einem ab und zu auftauchenden Dilettantismus, der sich nicht um sich selber schert, wenn es darum geht, zu sagen, was Sache ist, Verbunden mit so viel Aufrichtigkeit, und Spaß am eigenen Durchdringen einer scheinbar vorgeschriebenen Wertewelt um sie aufzuschltzen und bloß zu stellen. 

Wer noch kann, sollte dort hin, eine einmalige Aausstellung mit einem einmaligen Guide. Noch bis zum  11.9.16 - remeber nine eleven?


Sonntag, 28. August 2016

Dixi Klo - Andreas Slominski in den Deichtorhallen

Auf die Ausstellung aufmerksam wurde ich durch einen Artikel im kunstforum. Andreas Slominski ist Professor an der HfbK in Hamburg. Ausgehend von einem Phänomen im öffentlichen Raum, dem Dixieland Klo, entwickelt er Ausstellungsstücke rund um dieses Element.

Gestern war der letzte Ausstellungstag. So entschied ich mich Samstag adhock noch diese Ausstellung anzusehen, versprach sie doch auch einen künstlerischen Umgang mit dem Raum. Ich stolperte mitten hinein und hatte die Gelegenheit noch an einer öffentlichen Führung teilzunehmen.

Ich nehme es vorweg: Was als Eindruck am Ende dieses Besuches verblieben ist, ist ein Fragezeichen. Ist das Kunst? Lassen sich die Objekte und Plastiken entschluesseln ohne Führung oder Lektüre der Ausstellungstexte? Ist die Erklärung, die ich erhielt, hinreichend für die Kunstobjekte? Wenn ja, worin liegt der künstlerische Akt, wenn alles Kalkül und individuelle Assoziation ist?

Parallel entsteht ein anderes Bild. Das Bild eines Tabus. Das Tabu der Exkremente. Exkremente, die uns Menschen in den Kreis der Lebewesen stellen. Die Dixiklos aber sind in ihrer Plastikfabrikation der Versuch die unsaubere Seite unserer Existenz stapelbar zu machen, normierbar. Den Akt des Toilettengangs zu entsinnlichen und auf ein schnöden Geschäft zu reduzieren. In die eine oder andere der Toilettenhäuser kann der Besucher hineingehen. Die Führerin durch die Ausstellung motiviert die Besucher in einer roten oder blauen Plastiktoilette dieses Raumerlebnis einmal bewusst wahrzunehmen. Das mache ich. Und mir wird um so bewußter, dass dieser Plastikraum kein Erlebnis ist. Es ist ein leboser, unmenschlicher Kasten in dem sich die Norm einer billigen Produktion äußert und der Menschen, der hier eines seiner intimsten Geschäfte verrichten sollt sich mit Scham bekleckert. Und nicht nur dass, dieses Intimste wird zu einer maschinellen Produktion, die am besten ganz ohne Aufmerksamkeit für die Handlung selbst möglichst schnell erledigt werden sollte.

Tabu.

Für mich kreist die Ausstellung um dieses Tabu, oder mehr noch darum, wie die Materialien und Produktionsverfahren sich unserer Sinnesräume annrhmen, sie bestimmen ergreiften, benoten und werten. Wiederholt nutzt der Künstler die Möglichkeit eine Palette und einen Pinsel in den Fertigungsprozess der Toiletten einzuspeisen. Auch Marienbilder entstehen so als Abdrücke, als Plastiken in modernem zeitgenössischem Plastik in Blau oder Grün.
Die Elemente haben Symbolcharakter und verweisen auf Inhalte, die Allgemeingut  repräsentieren sollen. Unbefleckte Empfängnis. Der von Gottes Geist inspirierte Künstler, der die Kreativität aus einem sauberen Himmelsraum empfängt.

An anderer Stelle dann eine Milchkanne und Klopapierrollenhütchen, gehäkelt. Fast zu persönlich, lässt sich hier für mich doch kein gesamtgesellschaftlicher Bezug mehr herstellen, ausser dem einen: egal wer du bist, beim Klogang sind wir alle gleich, genau wie im Tod, und jeder Besitz oder Erfolg haben an diesem Punkt keine Bedeutung mehr. Aber ist dann nicht die gesamte Ausstellung zu lesen wie ein Buch mit mehreren Kapiteln? Und erst an dessen Ende wird erkenntlich, was gemeint ist. Dann ist die Ausstellung an sich das Kunstwerk, nicht aber die Einzelobjekte alleine.

Ist es dann ein Kunstwerk? Ist Kunst der Prozess selbst, den der Künstler durchläuft, wenn er sich eines Objektes oder Themas annimmt und all seine möglichen Facetten durchdekliniert, sie anreichert mit eigenen Erfahrungen und in alle Richtungen auslotet? Oder ist dieser Prozess nicht erst nur der Weg um Werk, den jeder Künstler durchlaufen muss? Den Prozess der Einfühlung. Auseinanderdetzung, dem der kreative Moment der Stille folgt, in dem dann eine neue Bildschärfe entsteht, die alles Gewonnene in sich zu neuer Ordnung vereint? Oder ist es das was wir heute als Kunst verstehen, weil wir Menschen diese Prozesse nicht mehr durchlaufen? Weil Produkte nicht mehr interessant sind und der Prozess einen neuen Wert erhält?


War es die Führung durch die Ausstellung, die das Kunstwerk durch die Analyse zerstört hat oder hat sich da ein Professor über den Kunstbegriff lustig gemacht?

Eine Ausstellung, die mich herausfordert, über den Kunstbegriff nachzudenken. Die auch deutlich macht, wie sehr sich Kunst seit den vergangenen 25 Jahren gewandelt hat.

Montag, 22. August 2016

Fünf Positionen der Gegenwart

Es ist eine Ausstellung, die ich im Vorbeigehen aufnehmen wollte. Da wurde wieder, wie alle Jahre der Kunstpreis von einer Jury vergeben. Zufällig fahre ich sogar am Tag der Eröffnung am Museum vorbei... Naja, denke ich. Vielleicht gucke uch mir das bei Gelegeneit sn...
Schießlich bleibe ich an diesem Sonntag 1,5 Stunden in genau dieser Ausstellung und gehe sogar nur in die unteren drei Räume, die klein sind und die Wechselausstellungen enthalten. Was ich sehe berührt mich und ist Neu für mich. Gestellte Porträts als fotografische Selbstinszenierung und Suche nach einer Identität oder auf der Enttarnung des Lebens als Theaterstück? Bunt, erzählend, an einzelnen Details festgemacht werden Typen von Menschen, ihre politische Haltung oder ihre Selbstverortungen in der Vielfalt des alltäglichen Angebotes abgelichtet und hängen als Foto an der Wand. Immmer ein kleiner Titel zum Bild, der hilft, die Sprache des Bildes zu vestehen. Faszinierend dann, als ich mich weiter umgucke, das Projekt der Künstlerin, sich selbst als Kultfigur zu inszenieren, indem sie alle Objekte wie Tassen, Ansichstkarten, Kalender, Bettwäsche etc, die man im "Fanshop" bekäme, mit ihrer eingenen Figur, ihrem eigenen Gesicht schmückt. Für mich wie ein kleines Schleudertrauma. Mutig oder selstbewußt? Kritisch und entlarvend! Ein Mensch wird geboren in den Dingen, die über ihn erzählen. Weiter hinten in den Ausstellungsräumen befindet sich ein ganzer Altar, in dessen Zentrum die Künstlerin abgebildet ist... (Künstlerin: Jacqueline Duhr)

Im Raum davor Malerei. Fast schlicht und stumm, immer aber mit einem Moment des Aha, wenn die fast ungegliederten Flächen verwaschener Farben sich plötzlich in einen Raum verwandeln, in einer scheinbar verwaschenen Landschaft plötzlich eine geometrische Form so greifbar wird. Aber es scheint keine einfache Malerei zu sein, die endgültigen Farben scheinen das Ende immer wieder aufgetragener Schichten zu sein, die z.T. ineinander gearbeitet sind. Manchmal tauchen die Pinselstriche auf, dennoch wirkt es wie eine Farbe, eine undefinierbare zumeist, ein Olivegrüngelbbraun oder ein braunrot mit??? Was bewegt den Künstler? Mich ziehen die Bilder an. Sie stehen zwischen Unkenntlichkeit und Suche nach der einfachen Aussage, zeigen aber den vielschichtigen Weg dahinter. (Künstler: Matthias Kanter)

Im dritten Raum dann Fotos ganz anderer Art. Schwarzweiß wirken sie schlicht, meist ein ein Querformat. Die Bildaufteilung fasziniert mich, prägnant und sehr angenehm anzusehen. Ein Blick auf eine zerbrochene Landschaft unserer Zeit, so finde ich. Eine andere Serie zeigt Müll sammelnde Menschen, ganz alltäglich. Fotografie, die Momente aufnimmt und in diesen vermag, ganze Geschichten und Assoziationsräume zu schaffen. So verweile ich einige Zeit vor jedem Bild. (Künstler:
 Olaf Matthes)

Im hinteren Raum finden sich wieder eher plastische Werke, auch wenn die Künstlerin Zeichnung - oder Malerei? - ebenfalls an den Wänden präsentiert. In einfachen, Kartoffeldruckartigen Strichen in Farben finden sich Strichmännchen auf den Blättern. Abstrahierte Strichmännchen, deren Bewegungen und Gesten auf das absolute Minimum reduziert sind. In diesem Minimum entpuppt sich dennoch die Haltung der Männchen selber wie auch die Beziehung der Männchen zueinander, wenn diese auf einem Blatt gemeinsam angesiedelt sind.Als Plastik finden sich teils in Stein gehauen, teils in Holz gearbeitet Skulpturen. Rechteckig, kantig. Langsam wächst der Blick beim Sehen in diese Skulpturen hinein und die Symbolik wird verständlich: Hier liegt ein zusammengekauerter Mensch, dort stehen zwei Menschen umschlungen nebeneinander, zwei, doch wie ein Block und doch nicht verbunden, denn der Blick des einen zeigt von der anderen Figur fort. Fast schmerzend, diese karge Abstraktion und doch so klar in der Einfachheit und erleichternd: Menschen, die Innerstes ohne Sprache ausdrücken, ohne feine Form der Finger, ohne Fußgelenke, Bauchnabel ... urtümlich, elementar - gefunden. (Künstlerin Anne Sewcz)

Im letzten Raum schließlich hängen Bilder in Mischtechnik, teils gezeichnet, teils gemalt oder übermalt. Auch hier in gedeckten Farben, ein gedämpftes Gelb, ein verwaschenes Rot, ein Türkies, Braun und Schwarz, Weiß auch ... Räume mit Brüchen, Linien, immer wieder mal eine Figur. Die Titel weisen auf persönliche Begebenheiten hin. Sehr individuell, eigenständig, fast ein Ringen darum, dies Persönliche auszudrücken, seiner habhaft zu werden, es zu zeigen???

Sehr spannend und vielfältig, ein zweiter Besuch wäre lohnenswert.

Kunstpreis der Mecklenburgischen Versicherungsgruppe für bildende Kunst in Mecklenburg-Vorpommern. Vergabe alle 2 Jahre an professionelle, in MV schaffende Künstler, ohne Bewerbingsverfahren.

Zinnober

... ich hatte von ihr gelesen, von der Kunstkirche in Zachow. Nun hatte ich Besuch und das war es Wert einen Vorstoß zu wagen: Wir riefen einen der Vereinsvertreter an, abends noch um halb sechs, ob wir vorbeikommen könnten, die Ausstellung in der Kirche anzusehen.
Gegen halb sieben treffen wir Herrn Bose im Dorf. Gemeinsam gehen wir zur Kirche. Ein kleine Fachwerkkirche mit Holzturm, über 700 Jahre alt. Die schwere Eichentür öffnet sich und wir treten in den kleinen Raum des Gotteshauses ein. Uns gegenüber ein großes Bild, dessen Farbtöne wie rostiges Eisen uns entgegenleuchten. Linkerhand führt eine kleine Holztreppe auf eine niedrige Empore. Dort hängen quadratische Bilder. In der Mitte eines aus vier Qudraten bestehendes in grüner Farbtönung. Schon von Weitem sieht man, das diese Farbe aus vielen Farben zusammengesetzt ist. Ich gehe näher heran und tauche unweigerlich in diese Bild ein. Farbpunkte in Beige, Blau, Grün, Braun und Grautönen, so erinnere ich mich, liegen hier nebeneinander und übereinander. Ein Raum entsteht der mich mitnimmt. Je länger ich das Bild anschaue, desto mehr Feinheiten entdecke ich. Fast bin ich verwirrt. Dann gehe ich zum Bild daneben, dem Blauen, auch hier ein Farbsog, der sich aus den vielen Farbklecksen oder Punkten entwickelt, die sich überlagern, auch hier Raum. Und an diesem Bild spüre ich, wie ich beim Anblick des Bildes in eine Stimmung verfalle. Je länger ich diese Farbe und den Raum auf mich wirken lasse, um so mehr empfinde ich das Blau. Ich wandere zurück zum Grün und auch hier emfpinde ich das Grün, eine ganz andere Gestimmtheit ergreift mich. Rechts daneben zwei weitere Bilder in ähnlicher Technik, eines hellgrau, das andere dunkelgrau. Und ich fühle mich fast innerlich erloschen, das dunkle Grau nimmt mir den Atem, die innere Bewegung, das helle Grau läßt mich frieren.

Auf der gegenüberliegenden Seite hinter dem Altar hängt rechterhand ein großes Bild in gedämpften Farben zwischen Ocker und Taubenblau. Schriftzeichen im Zentrum ziehen die Aufmerksamkeit als erstes an. Als ich davorstehe, packt mich auch dieses, ebenfalls in Flecken und Punkten gemalte Bild und ich sehe Zeit. Noch einmal denke ich diesen Gedanken. Doch, hier sehe ich Zeit. Dieses Bild zeigt, was nicht abbildar ist: Zeit.
Ein paar der Bilder faszinieren mich weniger
So wende ich mich den 6 kleinen Bildern zu, die an der Empore hängen. Auf Röntegenbilder hat hier die Künstlein unterschiedliche Materialien abgedrückt. Mit weißer, rotbrauner, fast an Blut oder Eisen erinnernder und schwarzer Farbe. Wunderschöne Strukturen zeigen sich, Leerräume, materielles Weiße und schwer zu entzifferndes Rot und Schwarz auf den blauschwarzen Röntgenfolien. Ich stehe fasziniert davor und bin begeistert. Die weiße Farbe scheint wie Knochen, wie ein: Doch, hier bin ich, die Materie. Ein Nachsatz auf die Durchleuchtung, die im Röntgenbild festgehalten wurde, ein Kommentar zu dem, was so einfach ein Nichts wird, dieses Fleisch, das nicht Knochen ist und von den Röntgenstrahlen durchschossen wid. Materie - Nichtmaterie

Der Kirchenraum in seiner authentischen Restauration mit schwerem Eichengebälk und ziegelrotem Klinkerfußboden, Fachwerk und gekalten Fachungen, ein Altar im Zentrum, es ist ein schlichter Raum mit Atmosphäre. Wunderbarer Ort für diese Bilder, aus denen einer Intensität entgegenkommt.

Ich werde wieder in die Kirche gehen, die beständig hochwertige Ausstellungen verspricht.

ZINNOBER Kulturkreis Zachow e.V.
www.zinnober-zachow.de
Ausstellung von Monika Bertermann (Neubrandenburg)

Donnerstag, 2. Juni 2016

... und eine Welt noch

Hanne Darboven

Ausgangspunkt für eine Ausstellung im Kunstverein in Hamburg. In der Ankündigung eine unscheinbare Austellung. Fasziniert bin ich auf den ersten Blick von den Ausstellungsobjekten, denen allen das Zeichenhaftige gemein ist. Das ist etwas für mich. Ich überfliege nur den Ankündigungstext und merke mir den Tag, an dem die nächste Führung durch die Ausstellung angeboten wird und verabrede mich mit meiner Freundin zu einem gemeinsamen Besuch.

Eine Stunde vor der Führung treffen wir ein, schauen uns um, lesen die Begleittexte und tauschen uns aus. Einiges bleibt rätselhaft, einiges ist interessant. Klar ist, hier ist die Kunst nicht einfach wie ein leckeres Bonbon im vorbeigehen aufzunehmen. Denken und verstehen, Bezüge finden scheint ein Teil des Aufnahmeprozesses zu sein. In dieser ersten Annähreung vergeht die Zeit wie im Fluge. Dann ist es Zeit und mit zwei weiteren Personen haben wir das große Glück an einer sehr individuellen Führung durch die Ausstellung teilnehmen zu können.

Auf sehr kleinem Raum sind rund 40 Exponate ausgestellt. Im Zentrum der Ausstellung, direkt in der Eingangshalle ist in Auszügen ein Werk von Hanne Darboven aufgestellt. ... und eine Welt noch. Aus den über 400 Blättern, die zu diesem Werk gehören hat die Kuratorin einige ausgewählt und in einer Vitrine ausgestellt. Wir haben die Möglichkeit uns über Notenblätter zu beugen, Spiegelartikel zu lesen und Ihre Blätter aus der Nähe zu studieren. Das unpersönliche Ihres Werkes schwindet. Ich erfahre auf einmal, wie persönlich ihr Schaffen ist. Hanne Darboven wählt aus, sie setzt Fragmente, die Bedeutungen enhalten, die ihr wichtig sind, in eine Sammlung und schafft durch die Zusammenstellung eine eigene Aussage.

Alle weiteren Werke dieser Austellung nehmen in enger oder weiter Verbindung, bewußt oder unbewußt Bezug auf Hanne Darboven, oder vielmehr auf ihre künstlerischen Strategien. Die folgende Führung zeigt auf, welche Strategien in einer Auswahl von ca. 20 Werken von den Künstlern verfolgt werden, um ihre Aussage zu kommunizieren und in welcher Weise diese Strategien mit denen von Hanne Darboven vergleichbar sind.

Da hängen Blätter mit einem Kommentar. Ein Zitat eines Künstlers über sich selber. Dieses Zitat wird mehrmals verändert, einfach durch Weglassen von Worten, Auslassungen und eine neue Welt entsteht in jedem Blatt.

Eine andere Arbeit eines jungen Hamburger Künstlers ist eine Kartierung über das ganze Jahr. Ort und Befindlichkeit, Umwelt werden dokumentiert. Sukkzessive entsteht eine Legende, die immer das ergänzt, was als Teil der Kartierung noch nicht erfasst wurde. Der Rahmen frei und doch eng begrenzt, denn kartiert wird nur, was im persönlichen Erfassen möglich ist. Der Ausschnitt einer Weltsicht. Vor diesem Werk stehend, das ein in 365 Segmente geteilter Kreis ist, der mit Bunstift farblich angelegt und durch Kommentare in Bleistift fein geschrieben am äußeren Rand des Kreises ergänzt ist, ist ein Bild. Drei Jahre wurden kartiert, drei Bilder entstanden. Und es geht eine Faszination davon aus.

Im großen Raum liegen auf mehreren Tischen große Bücher, in denen Zeitungen eines Tages archiviert wurden. Der Besucher darf blättern. Im Blättern und lesen erschließt sich die Information eines Tages, die Wichtigkeit bestimmter Informationen, die Person in der eigenen Auswahl der Personn kommt hinzu. Es ist eine bewegliche Arbeit, die im Blättern entsteht, nicht im Betrachten aus der Ferne.

Im hinteren Bereich werfen zwei Diaprojektoren Bilder an die Wand. Bilder von zwei Person. Eine der Personen findet sich jeweils auf dem anderen Bild wieder. im Wechsel wechslen die Bilder und das folgende Bild zeigt immer wieder eine der beiden Personen auf dem anderen Bild. So ist es wie eine Schlange, die auf unerklärliche Weise von einem Menschen zum anderen schlängelt und Dali mit einem bekannten amerikanischen Golfspieler verbindet, auch wenn beide vielleicht niemals etwas miteinander zu tun hatten. Unsere Systeme und unsere Ordnung bestimmt unseren Blick auf die Welt.

Das ist auch der Hintergrund einer kleinen Fotoarbeit. Sie zeigt acht Fotos. Ein Auszug der Arbeit. Der Künstler hat eine 8 Tagewoche für sich intalliert und diese über die 7 Tage-Woche gelegt. Ich denke an Minimal-Music und fühle ein Schwanken. Austreten aus einer Ordnung schafft unbehagen. Wie weit läßt sich hinaustreten aus festen Regeln? Es ist ein Test.

Die Führung erschließt Werke und schafft die Möglichkeit einen Blick auf diese sonst schwer begreiflichen Arbeiten zu legen, der Annäherung schafft. Kunstgeschichte und künstlerische Strategien, sie sind ein wichtiger Aspekt in der Betrachtung moderner Kunst, denke ich. Ich hatte das vergessen. Und besonders, dass Kunst weit hinausgeht über Sinne, über Bilder, die abbilden oder Gefühle darstellen. Sehr sehr spannend.

Dass wir ES heute finden liegt an ihrem Verschwinden

Gestern im Barlachhaus, oder ist es das Barlach Museum? Hermann de Vries, ein uralter Wurzelzwerg stapft durch den Wald. Alles was ich tue, tut er auch: Denken, wandern, Fundstücke lieben und mitnemen. Nur: Er sammelt, sortiert und stellt aus. Er stellt die Dinge, die er findet so aus, dass der Blick darauf ein besonderer wird, ein philosophischer, einer der die Gedanken anstößt wie eine Böe die Waseroberflöche in Wellen legt. Er ist inmitten der Dinge, inmitten der Natur. Und was im Text erläuternd steht, wäre nicht einmal nötig gewesen: Für Ihn gibt es keine Grenze.

So denke ich: Hier steht einer, der seine Grenzen auflöst. Hier wirkt einer, der eben diese Grenzen gar nicht will, um sich einzufühlen, ohne Worte, ohne Kategorien ohne Naturwissenschaftliches Denken, um sich einzfühlen, verwoben zu sein mit allem. Hier steht einer, der muss nicht deswegen zur Therapie gehen, weil er grenzenlos geworden ist.


Hier ist einer, der sieht und tut, der das, was er findet zeigt und darauf aufmerksam macht. Er spricht mit uns, statt tief in sich diesen unendlichen Schatz der Natur zu verbergen.

Gleichzeitig denke ich: Petrarca stieg auf den Berg und er sah die Landschaft. Humbold fuhr nach Südamerkia und beschriftete den Urwald. Herrmann de Vries in seinem Alter zwar aber doch heute wandert duch die letzten Rest Natur. Gefahr droht ihm nicht mehr, er braucht keine Angst zu haben, keine Liane wird ihn erdrosseln, kein Wildschein zerreissen. Es wandert und findet Natur, die letzten Reste, Fundstücke, es ist ein Aufschrei, es ist eine Distanz die Distanzlosigkeit schafft. Aus der Ferne der Natur in der wir leben rückt sie uns so nah, so sehnsüchtig beobachten wir, so weit entfernt stehen wir von Ihr, dass wir sie betrachten und nicht nachmachen können.

Ich kehre heim, aufgeladen, traurig und gehört zu gleich. Wie oft bin ich durch den Wald gestapft, verzaubert, migenommen, versenkt in Moose, Farne, Rinde, Baumstücke. Hier ist er, der es versteht, diesem Impuls zu folgen, ausatmet, was berührt, zeigt und mitteilt: Eine Antwort auf das findet, was ihn in den Wald treibt, Mitteilung darüber macht, ohne Zweifel.


Freitag, 20. Mai 2016

Lee Miller im Martin Gropius Bau Berlin

Aufmerksam wurde ich auf diese Ausstellung durch einen Artikel in der Jungen Welt. Die Fotografin lernte bei Man Ray, lebte eine Zeit mit diesem zusammen. Beschrieben wurde, dass sie Fotos ihres Lehrers, die dieser verwarf, zu ihren eigenen Werken machte, indem sie einen besonderen Ausschnitt wählte, durch den der Fokus anders gesetzt wurde. Während des zweiten Weltkrieges war sie eine der fünf Kriegsberichterstatterinnen der USA. Das machte mich hellhörig. Was treibt eine Frau dazu, den Krieg zu dokumentieren? All das Greul zu sehen und sich in Gefahr zu begeben? Denn sie soll während der Befreiung Deutschlands die Situation in den KZ s ganz ohne Distanz dargestellt haben.

Für Fotos bin ich nicht zu haben. Aber diese Frau interessierte mich. Also ab nach Berlin.Nicht nur ich, viele Besucher waren an diesem Sonntag in der kleinen, feinen Ausstellung.

Sie zeigt die Fotos aus der Anfangszeit. Aufgefallen sind mir die Fotos von Frauen. In diesen zeigt sie mehr als den Menschen, seine Schönheit.  Die Bilder hinterfragen Gesellschaft, das Bild der Frau. Ich bin beeinduckt, dass dies mit einem Foto möglich ist. Modefotos für das Magazin Vogue in England zeigen gut gekleidete Frauen in Ruinen. Die zwei Welten Krieg und das Festhalten am Alltagsleben sind auch für mich als Betrachterin kaum vereinbar. Auf einem späteren Foto aus Wien zeigt sie eine Opernsängerin in den Trümmern der Oper, singend. Nicht aufgeben, was lebenswert ist. So klingt es und gibt die Erklärung für den Alltag in der Zerstörung.

Schon die Trümmer Bilder berühren mich. Ich fühle mich inmitten dieses Wahnsinns. Fühle, dass dies, obwohl Geschichte, Teil von mir ist. Teil meiner Eltern, unbewusste Erfahrung, die hier im Bild Wahrheit wird.

Schließlich komme ich zu den Bildern, die Miller machte, als die Amerikaner Deutschland befreiten. KZ Dachau. Leichenberge. Als sei das Leben niemals in diesen Körpern zu Hause gewesen. Verachtung des Menschlichen spricht seine Sprache durch diese Fotos. Den Tränen nahe, mancher hier weint still beim Anblick der Bilder, die ein Teil der Wahrheit noch heute fühlen lassen. Gezeigt wurden die deutlichen Bilder, wenn, dann in den USA. England hielt sie für zu drastisch, wollte sie den Lesern nicht zumuten.

Ich verlasse die Ausstellung schweigend. Berührt und fasziniert gleichzeitig. Berührt von den Emotionen im Foto, die Fragen und Gedanken die diese anzuregen vermögen. Beeindruckt davon, was Fotografie ist. Interessiert daran, was sie zu vermitteln vermag, was ein gemaltes Bild oder eine Zeichnung nicht darstellen kann.

Freitag, 22. April 2016

Besuch in Tulln. Entdeckung Egon Schieles

Egon Schiele

... da reise ich nach Tulln um auf der Garten Tulln eine Lizenz zu erwerben ... und keine 50 m neben dem Hotel, in dem ich übernachte, befindet sich das Egon-Schiele-Museum. Der Egon-Schiele-Weg führt an meinem Hotel vom Bahnhof kommend an der Donau entlang direkt dort hin. Ein bischen übertrieben das alles, dieser Hype um Egon-Schiele, denke ich. Der Vater Bahnhofsvorsteher (wars so?) und er der Sohn dieser Stadt.

Nun gut. Meine Schulung ist Fulltime und ich eise mich los, einen Mittag, um wenigstens einen Blick in dieses Museum hineinzuwerfen, das verspricht, einige Originale aus seiner Jugendzeit zu zeigen. Ich trete ein, durch ein gusseisernes Tor, das EGON SCHIELE als Schriftzug darstellt. Es ist das ehemalige Gefängnis von Tulln. In einer der Gefängniszellen finde ich an den Wänden eine Beschreibung des Verfahrens gegen Schiele, der wegen Missbrauchs eines minderjährigen Kindes angeklagt wurde. Ich gehe hinauf in den ersten Stock "ach, nur Geschichte seines Lebensweges", und wieder hinunter, dort wo der Verkaufs-Tresen ist und finde die drei kleinen Räume in denen kleine Ölgemälde von Schiele aufgehängt sind. Kleine Bilder, die mich doch fesseln. Wie herausgerissen werde ich aus der Welt des Denkens meiner Lizenz-Schulung, hineingeschleudert in ein intensive Wahrnehmung von Landschaft und Natur, die er darstellt. Bilder voller Farbe, Rhythmus und in einer Weise auf Karton oder Leinwand gebracht, die einen eigenen Blick zeigt, einen eigenen Ausschnitt des dargestellten wählt: Wo ist der Mittelpunkt der Bilderzählung? Es ist, so finde ich, das Zusammenspiel aller Dinge im Bilde, nicht etwas, das gezeigt wird von ihm, nein, es sind die Häuser, wie sie nebeneinander stehend sich zu einem Ganzen verbinden, der Weg am grünen Zaun entlang mit den Gehwegplatten eine Geschichte erzählt oder die Boote im Hafenbecken sich auftürmen vor eine endlosen Weite. Alles im Bild gehört zusammen, nicht ist nebensächliches Beiwerk. Klein, und vollkommen genug. Ich wandere noch einmal in die Gefängniszelle, lese ein bisschen und hocke mich an die Wand. Von da kann ich die Bilder anschauen, die mit einem Beamer an die Wand geworfen werden: Es sind Zeichnungen, Linien, die Umrisse zeigen, ganz wackelig, unpräzise und doch wieder ganz genau erzählt. Dann ein wenig Aquarell, Tusche, Farbe und alles fügt sich wieder wie Musik zusammen. Dann gehe ich doch noch einmal in den ersten Stock und lese über das Leben dieses seltsamen Menschen. Zeichnen, zeichnen, zeichnen ... Die Schule hat ihn nicht gekriegt. Die Spanische Grippe ließ ihn 1918 oder 1920 mit 28 Jahren sterben, kurz nachedem er durch eine Ausstellung den künstlerischen Durchbruch schaffte und eines seiner Gemälde an ein Museum verkaufte.

Die Linie erzählt. Sie ist genug um alles mitzuteilen, Farbe hie und da, ist ergänzend. Eine ganz andere Art zu zeichnen als bei Picasso oder Hockney. Gefällt mir wirklich gut.

Dieter Goltzsches Schöne Zeichnungen


Eine halbe Stunde bin ich umgeirrt, die Große Wollweberstraße zu finden. Die Kunstsammlung findet sich in einem grauen Fachwerkhaus mit zwei Stockwerken. Vielversprechend war das Plakat nicht, eher etwas dahingehuscht, ohne Konzentration, fand ich. Nun, ich gehe hin, weil es ein Zeichner ist. Es ist ein alter Zeichner, der Kunst in der DDR studiert hat. Heute muss er über 80ig Jahre alt sein. Ich lasse mich drauf ein, auf das, wass wie 10-Minutenbilder aussieht, dahingehuscht, wie gesagt. Ich stehe da und gucke. Jedes Bild mit Titel. Das hat sogar einen Titel! Aber ich gucke, und die Leichtigkeit und Unbekümmertheit, sie nimmt mich langsam ein. Es ist ein Rhythmus in den Bilder, ein Hingeben an das Innere, das lenkt und die Formen aufs Papier bringt, mal mit feinen Tuschelinien, mal mit dickem ausgefransten Pinsel ganz in schwarz, mal auf einem Fetzen, dann auf einem Bogen Papier. Er lebt inmitten seiner Zeichnungen. Es ist, als sei es eine eigene Schrift, eineSprache, die sich vollkommen von den äußeren Erscheinungen löst und in sich selbst genug ist, zu sprechen, über sich und das was zwischen sich und dem Äußeren dann doch stattfindet. Ich mache die  Runde durch die vier Räume und am Ende stehe ich in einem Raum mit feinen Zeichnungen. Ich bin ergriffen wie sehr hier Zeichnung innere Begegnung ist und frei über das Blatt fliegt, bindet, gliedert, zu Neuem fügt und immer ein bischen Wahrheit, wie wir meinen, es gäbe sie, durchscheint. Aber alles ist eine Welt - seine Welt. Wie wundervoll, so unbekümmert und leichtfüßig zu sein, sich so weit zu entfernen vom "richtig abzeichnen" vom "richtigen Bild" vom "Zeichen" so weit weg von aller Vorschrift von allem Vorbild. Schöne Bilder - und so ist es : Schöne Bilder!

Samstag, 9. April 2016

Horst Jansen zwischen Schiffen und Wolken Theater


27.3.2016, Ostersonntag. Unser Weg führt uns ins Altona Museum, mich und meinen Freund. Nach dem tollen Erlebnis am vergangenen Wochenende im Mrützeum nun der Besuch in dem Museum Hamburgs. Eigentlich wollten wir Schiffe gucken, Ewer, Kutter, Barkassen und etwas über die Fischerei, den Fischfang, Schleppnetze und gesalzene Heringe erfahren und dann noch kurz ins Wolkentheater gehen. Aber ganz zufällig war da auch die Ausstellung mit Bildern von Horst Jansen. Typisch Hamburg eben. Also rein in die dunkle Stube. Und wieder stehe ich staunend und begeistert vor Zeichnungen, feinen Farbstifftbildern, Texten, tief aus dem Bauch, voller Intuition. Der kannte nix anderes als Zeichnen. Zeichnen. Zeichnen. Alles Erleben, alles Denken fand in dieser Sprache Übersetzung, jede Regung, jede Erfahrung wurde seismographisch mit der Bleistiftspitze nachgelebt. Bis heute verwahrt und Dokument eines Lebens voller innerer Verdauung und Durchlebung.
Der eine Raum hätte mir bereits gereicht, die Treppen hinunter eröffnet sich ein weiterer. Den aber lasse ich links liegen. Ich verdaue nicht so schnell. In mir wirkt noch, ganz abseits der Bildinhalte, etwas anderes. Die tiefe Überzeugung, das was da in ihm passiert für bare Münze zu nehmen, alles ist wichtig und reicht aus gesagt zu werden. Nichts ist dumm, nicht unsinnig, nicht unwichtig. Keine Wertung in ihm hält irgendetwas zurück. Jedes bischen fügt sich wie ein kleiner Baustein zu seinem ganzen Bild, ganz ungestört, so wie eine Pflanze auf ihrem Wachstumsweg halt genau weiß, welche Zelle auf die nächste folgt, einfach so. Es ist ein Vergnügen und das Bild einer inneren Sicherheit, Vorbild zu trauen, sich selbst zu trauen.
Auf dem Hinweg nach Hamburg schon ist mir das begegnet, als ich im Deutschlandfunk mit einem Mal in eine Gesprächsrunde einfiel, Unter Leuten, so heißt das Buch, Julie Zeh die Autorin, wir dort besprochen. "Wie schreiben sie?" wird sie gefragt und sie antwortet, ganz entgegen jeder schriftstellerischen Tradition, dass sie einfach darauf losschreibe und dann nach einigen hundert Seiten alles noch einmal durchlese, nachkorrigiere. Wer es ihr nicht glaube, dem könne sie ihr Korrketuranmerkungen zeigen. Sie sagt, dem Menschen ist die Dramaturgie eigen, jeder erzählt Anekdoten dramaturgisch. Darauf kann sie sich velassen, und nachdem sie einmal anders geschrieben und gescheitert sei, bleibe sie dabei, ihre Bücher eben genau so zu verfassen.
Es ist dies der rote Faden, das Gestaltete in einem, das bereits da ist, den Zipfel nur noch fassen und ihm folgen, Kreativität gewähren lassen, Leben lassen, staunend distanziert daneben stehen und entstehen lassen, aus der Tiefe der Kosmos "Gehirn".
Mutig, Mut machend, bestärkend.