Donnerstag, 8. September 2016

Eingebrannt - Raymond Pettibone

Homo americanus

Mike Hammer, Terentino mit Pulp fiction, Vavoom, Goo ... Eine Comicserie, Filme, Amerikanische Alltagsgefolgschaften, die Eisenbahn, Walden und Thoreau ... Wahnsinn. Alles immer wieder und wieder, Schriftzüge, Texte, Zeichnungen in schwarzen Bildrahmen wie Ausschnitte eines Comics, Figuren mit Tusche und Pinsel gezeichnet, intensiv durchlebte Wellen und Firguren.

Am nächsten Morgen sind sie alle noch da, wandern durch meinen Kopf, nehmen meine Gedanken mit, in Bildform. Eingebrannt. Diese Ausstellung hat sich eingebrannt, jenseits von normalem Kunstbesuch.

"Weißt Du wer das ist?" sagt mein Freund. "wer?", "Na der Guide, der die Führung leitet." " Nee." "Ekki (oder schreibt er sich Ecki?)" sagt mein Freund. "Hm, kennst Du den?" "Das ist Ekki, der im FFN eine zweistündige Sendung über Punk gemacht hat. Jeden Abend, an dem er auf Sendung war, habe ich vor dem Radion gesessen. Der war so großartig. Diese Stimme, ey..." Und nun steht er hier und steht in der überbordenden Ausstellung in den Phoenix-Hallen in Harburg mit Werken von Raymond Pettibone - Punk der Bildkunst - DER Punk der Bildkunst ... auch wenn er es nicht hören mag, er, Raymond Pettibone.

Harte Kost, das wußte ich. Dokumenta 11, das war 2002, da habe ich seine Arbeiten in einem Raum gesehen, der über und über voll war mit seinen Zeichnungen, seinen Zeichnungen mit Text. Ich erinnere Bomben, Flugzeuge, seltsame Figuren, unverständliche Texte. Schön war das nicht. Aber unter den vielen Werken, die ich bei meinem ausdauernden und langen Besuch damals auf der Dokumenta 11 noch in Erinnerung habe ist es das von Pettibone... was noch? Nein, nur Pettibone.

Nun also die Ausstellung in der Sammlung Falckenberg. Schon einmal bin ich in den Phoenix Hallen gewesen, in einer Ausstellung über Idylle. Tolle Räume, weiß ich noch, riesig groß, weitläufig. Und moderne Werke, anders als in den Kunsthallen.Sammlung eben!

Mein Freund ist kein Kunstgänger, aber ich weiß, er liebt PUNK. Punk durch und durch, von subversiv bis gesellschaftskritisch, schräg, eigenwillig, direkt, unschön, oder mit einer eigenen Ästethetik. Stark und rhytmisch, schwarz, Subkultur? Wir stehen vor einer Wand aus Schallplattenhüllen. Darauf Bilder von Pettibone, Platten von The Flag (erinnere ich das richtig?). "Punk", sagt mein Freund, "Das ist Punk!" Ekki schaut ihm direkt in die Augen, und sagt "Das ist Punk." Wir kommen etwas zu spät, die Führung hat schon seit 10 Minuten begonnen uns soll doch nur noch 20 Minuten dauern. Der Guide, Ekki, führt auf unkonventionelle Weise durch die Ausstellung. Selber in den siebziger Jahren (?) aus den USA  nach Deutschland gekommen, blättert er vor uns auf die Welt der Amerikaner, macht begeiflich, worauf sich Pettibone in seinen Werken bezieht, schlägt Brücken zwischen Bildern, Fernsehen, Filmen, Kultufiguren und - natürlich - Punk!

Die Führung dauert noch gute 60 Minuten. Ein Geschenk, eine echte Wanderung durch Geschichte, ein Einblick in das Werken und Arbeiten eines Künstlers, der, so denke ich, seine Zeit intensiv erfasst haben muss, direkt dran gewesen sein muss und es immer noch ist, an den Themen der Zeit, dem Abseitigen, dem Eigenen und dem, was alle leben gleichzeitig. In den Bildern entsteht eine eigene Welt, die den Glanz des Hollywood Amerikas zu einem aufregend distanzierten Blick auf eine Art zu Leben werden läßt, ein Blick, der den Hochglanz und die Konsumidylle, wie ich sie mir für Amerika vorstelle, erst bekömmlich macht. Die "Dreckigkeit" oder das "Dustere" in seinen Bildern ist für mich weit entfernt von Schönheit, aber es ist wie der einzig mögliche Ausgleich für dieses AMERIKA, dass sich so ganz anders darstellt, oberflächlich blankpoliert, klebrig süß. Es bekommt ein Eigenleben, Kult, Stream, Feeling.

Auf drei Etagen hängen Zeichnungen und gerahmte Bilder, begonnen mit den Anfängen seines Schaffens noch zu den Zeiten seines Studiums der Betriebswirtschaft. Comics entstanden, Hefte, in denen er seine Sicht der Welt, die Welt abseits des American Way of live, in Geschichten beschreibt. Erst gedruckt, dann über den Kopierer gejagt und geheftet. Bis er aufhört auf einem Blatt wie im Comic mehrere Bilder zu zeichnen und sich auf eines - immer noch schwarz gerahmt - beschränkt. "Ekki" macht uns darau aufmerksam, dass von nun an die Bilder anders werden. Die Schriften auf den Blättern sind variabel und er erläutert, dass Pettibone diese - ja schnell fertig zu stellenden Zeichnungen - sammelt, im Arbeitsraum liegen läßt, Zeit verstreichen läßt, bis er diese wieder anschaut, dann liest, was er geschrieben hat und einen weiteren Satz, ein Statment, ein Wort hinzufügt und wieder das Blatt beiseite legt. Das Werk entwickelt sich als Dialog durch die Zeit.

Und wir erfahren, dass es Themen gibt, oder vielmehr Figuren, auf die Pettibone immer wieder in seinen Zeichnungen zurückgreift. Es sind Stars aus Zeitschriften und Filmen, so Vavoum, ein Eskimo, der mit Felix the cat unterwegs ist. "Ekki" beschreibt diese Filmfiguren, ihre besonderen Fähigkeiten und läßt uns nachfühlen, wie diese Teil eines amerikanischen Lebens sind und schließlich ihr Eigenleben finden in den Zeichnungen Pettibone, wenn Vavoum zwischen Tusche gezeichneten Bergen seinen Schrei hindurchbrüllt, Löcher in den Wald ruft ... Erst da verweben sich auch für mich Bild, Amerkia und der Künsteler zu einem ganz besonderen Gefühl für Welt.

Irgendwann kommt Farbe als Ausdrucksmittel in Pettibones Bilder. Im letzten Ausstellungsraum dann hängen Zeichnungen aus jüngster Zeit. Unglaublich kritisch über den Irak Krieg, Krieg überhaupt, und, so Ekki, fassungslos über die eigenen "Impotenz" etwas an den Geschicken dieser Welt ändern zu können - obwohl er nun ein Kunst-Millionäre ist, ein Punk.

Hier endet die Führung. Ein Kunstgenuß auf zwei Ebenen, der der Bilder und der der ganz besonderen Ausstellungserfahrung durch diesen fasziniernd erzählenden, mitreißenden Guide, der mitten in der Punkkultur in alle Richtungen die Netze vor dem Hintergrund eines so reichen und fundierten Wissens zu knüpfen vermag.

Mein Freund verschwindet nach draußen, völlig erschöpft, wie ich später erfahre, berührt, von dieser außerordentlichen Führung durch einen seiner "Helden", den FFN-Moderator von Grenzwelle (heißt es so?).

Langsam füllt sich die Phoenix-Halle. Heute, der erste Sonntag im Monat, ist der Einlass ohne Anmeldung möglich. Diese Gelegenheit nehmen viele Menschen wahr. Wir haben noch viel Zeit, die drei Etagen mit dem erschlagenden Bildumfang zu durchwandern. Chronologisch oder thematisch einen tieferen Blick auf die eine oder andere Schaffensperiode von Pettibone zu werfen.

Alle Texte seiner Zeichnungen sind amerikanisch. Leider verstehe ich die vermutliche Schärfe und den kritischen Wortlaut nicht wirklich. So muessen viele Bilder durch den Blick aufgenommen werden. Unfassbar, reichhaltig, beeindruckend. Und jenseits dessen erfahre ich eine neue Arbeitsweise der Kunst. Autodidakt hat dieser Künstler für sich eine Art entwickelt, seine Themen zu vertiefen, ist seinem Blick auf die Hippiezeit gefolgt und hat seine Sichtweise und seine Bezugsfelder als Ausgangspunkt genommen, über das alltägliche hinaus zu gehen und eine eigene Position innerhalb einer Gesellschaft einer amerikanischen Gesellschaft zu formulieren, die sich nicht vereinnahmen läßt von Klischees, von Mainstream, von Oberfläche und Trends. PUNK, Gegenkultur im Sinne eines offenen Blicks, jenseits von Schönheit und Harmonie, schroff, und liebevoll, wenn er die Figuren wie Vavoum oder Goo in seine Bilder aufnimmt und ihnen Stimme verleiht.

Eingebrannt haben sich diese Bilder in meinen Kopf, fast herzlich fühle ich mich verbunden mit so viel Schroffheit, einem ab und zu auftauchenden Dilettantismus, der sich nicht um sich selber schert, wenn es darum geht, zu sagen, was Sache ist, Verbunden mit so viel Aufrichtigkeit, und Spaß am eigenen Durchdringen einer scheinbar vorgeschriebenen Wertewelt um sie aufzuschltzen und bloß zu stellen. 

Wer noch kann, sollte dort hin, eine einmalige Aausstellung mit einem einmaligen Guide. Noch bis zum  11.9.16 - remeber nine eleven?


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