Egon Schiele
... da reise ich nach Tulln um auf der Garten Tulln eine Lizenz zu erwerben ... und keine 50 m neben dem Hotel, in dem ich übernachte, befindet sich das Egon-Schiele-Museum. Der Egon-Schiele-Weg führt an meinem Hotel vom Bahnhof kommend an der Donau entlang direkt dort hin. Ein bischen übertrieben das alles, dieser Hype um Egon-Schiele, denke ich. Der Vater Bahnhofsvorsteher (wars so?) und er der Sohn dieser Stadt.
Nun gut. Meine Schulung ist Fulltime und ich eise mich los, einen Mittag, um wenigstens einen Blick in dieses Museum hineinzuwerfen, das verspricht, einige Originale aus seiner Jugendzeit zu zeigen. Ich trete ein, durch ein gusseisernes Tor, das EGON SCHIELE als Schriftzug darstellt. Es ist das ehemalige Gefängnis von Tulln. In einer der Gefängniszellen finde ich an den Wänden eine Beschreibung des Verfahrens gegen Schiele, der wegen Missbrauchs eines minderjährigen Kindes angeklagt wurde. Ich gehe hinauf in den ersten Stock "ach, nur Geschichte seines Lebensweges", und wieder hinunter, dort wo der Verkaufs-Tresen ist und finde die drei kleinen Räume in denen kleine Ölgemälde von Schiele aufgehängt sind. Kleine Bilder, die mich doch fesseln. Wie herausgerissen werde ich aus der Welt des Denkens meiner Lizenz-Schulung, hineingeschleudert in ein intensive Wahrnehmung von Landschaft und Natur, die er darstellt. Bilder voller Farbe, Rhythmus und in einer Weise auf Karton oder Leinwand gebracht, die einen eigenen Blick zeigt, einen eigenen Ausschnitt des dargestellten wählt: Wo ist der Mittelpunkt der Bilderzählung? Es ist, so finde ich, das Zusammenspiel aller Dinge im Bilde, nicht etwas, das gezeigt wird von ihm, nein, es sind die Häuser, wie sie nebeneinander stehend sich zu einem Ganzen verbinden, der Weg am grünen Zaun entlang mit den Gehwegplatten eine Geschichte erzählt oder die Boote im Hafenbecken sich auftürmen vor eine endlosen Weite. Alles im Bild gehört zusammen, nicht ist nebensächliches Beiwerk. Klein, und vollkommen genug. Ich wandere noch einmal in die Gefängniszelle, lese ein bisschen und hocke mich an die Wand. Von da kann ich die Bilder anschauen, die mit einem Beamer an die Wand geworfen werden: Es sind Zeichnungen, Linien, die Umrisse zeigen, ganz wackelig, unpräzise und doch wieder ganz genau erzählt. Dann ein wenig Aquarell, Tusche, Farbe und alles fügt sich wieder wie Musik zusammen. Dann gehe ich doch noch einmal in den ersten Stock und lese über das Leben dieses seltsamen Menschen. Zeichnen, zeichnen, zeichnen ... Die Schule hat ihn nicht gekriegt. Die Spanische Grippe ließ ihn 1918 oder 1920 mit 28 Jahren sterben, kurz nachedem er durch eine Ausstellung den künstlerischen Durchbruch schaffte und eines seiner Gemälde an ein Museum verkaufte.
Die Linie erzählt. Sie ist genug um alles mitzuteilen, Farbe hie und da, ist ergänzend. Eine ganz andere Art zu zeichnen als bei Picasso oder Hockney. Gefällt mir wirklich gut.
Freitag, 22. April 2016
Dieter Goltzsches Schöne Zeichnungen
Eine halbe Stunde bin ich umgeirrt, die Große Wollweberstraße zu finden. Die Kunstsammlung findet sich in einem grauen Fachwerkhaus mit zwei Stockwerken. Vielversprechend war das Plakat nicht, eher etwas dahingehuscht, ohne Konzentration, fand ich. Nun, ich gehe hin, weil es ein Zeichner ist. Es ist ein alter Zeichner, der Kunst in der DDR studiert hat. Heute muss er über 80ig Jahre alt sein. Ich lasse mich drauf ein, auf das, wass wie 10-Minutenbilder aussieht, dahingehuscht, wie gesagt. Ich stehe da und gucke. Jedes Bild mit Titel. Das hat sogar einen Titel! Aber ich gucke, und die Leichtigkeit und Unbekümmertheit, sie nimmt mich langsam ein. Es ist ein Rhythmus in den Bilder, ein Hingeben an das Innere, das lenkt und die Formen aufs Papier bringt, mal mit feinen Tuschelinien, mal mit dickem ausgefransten Pinsel ganz in schwarz, mal auf einem Fetzen, dann auf einem Bogen Papier. Er lebt inmitten seiner Zeichnungen. Es ist, als sei es eine eigene Schrift, eineSprache, die sich vollkommen von den äußeren Erscheinungen löst und in sich selbst genug ist, zu sprechen, über sich und das was zwischen sich und dem Äußeren dann doch stattfindet. Ich mache die Runde durch die vier Räume und am Ende stehe ich in einem Raum mit feinen Zeichnungen. Ich bin ergriffen wie sehr hier Zeichnung innere Begegnung ist und frei über das Blatt fliegt, bindet, gliedert, zu Neuem fügt und immer ein bischen Wahrheit, wie wir meinen, es gäbe sie, durchscheint. Aber alles ist eine Welt - seine Welt. Wie wundervoll, so unbekümmert und leichtfüßig zu sein, sich so weit zu entfernen vom "richtig abzeichnen" vom "richtigen Bild" vom "Zeichen" so weit weg von aller Vorschrift von allem Vorbild. Schöne Bilder - und so ist es : Schöne Bilder!
Samstag, 9. April 2016
Horst Jansen zwischen Schiffen und Wolken Theater
27.3.2016, Ostersonntag. Unser Weg führt uns ins Altona Museum, mich und meinen Freund. Nach dem tollen Erlebnis am vergangenen Wochenende im Mrützeum nun der Besuch in dem Museum Hamburgs. Eigentlich wollten wir Schiffe gucken, Ewer, Kutter, Barkassen und etwas über die Fischerei, den Fischfang, Schleppnetze und gesalzene Heringe erfahren und dann noch kurz ins Wolkentheater gehen. Aber ganz zufällig war da auch die Ausstellung mit Bildern von Horst Jansen. Typisch Hamburg eben. Also rein in die dunkle Stube. Und wieder stehe ich staunend und begeistert vor Zeichnungen, feinen Farbstifftbildern, Texten, tief aus dem Bauch, voller Intuition. Der kannte nix anderes als Zeichnen. Zeichnen. Zeichnen. Alles Erleben, alles Denken fand in dieser Sprache Übersetzung, jede Regung, jede Erfahrung wurde seismographisch mit der Bleistiftspitze nachgelebt. Bis heute verwahrt und Dokument eines Lebens voller innerer Verdauung und Durchlebung.
Der eine Raum hätte mir bereits gereicht, die Treppen hinunter eröffnet sich ein weiterer. Den aber lasse ich links liegen. Ich verdaue nicht so schnell. In mir wirkt noch, ganz abseits der Bildinhalte, etwas anderes. Die tiefe Überzeugung, das was da in ihm passiert für bare Münze zu nehmen, alles ist wichtig und reicht aus gesagt zu werden. Nichts ist dumm, nicht unsinnig, nicht unwichtig. Keine Wertung in ihm hält irgendetwas zurück. Jedes bischen fügt sich wie ein kleiner Baustein zu seinem ganzen Bild, ganz ungestört, so wie eine Pflanze auf ihrem Wachstumsweg halt genau weiß, welche Zelle auf die nächste folgt, einfach so. Es ist ein Vergnügen und das Bild einer inneren Sicherheit, Vorbild zu trauen, sich selbst zu trauen.
Auf dem Hinweg nach Hamburg schon ist mir das begegnet, als ich im Deutschlandfunk mit einem Mal in eine Gesprächsrunde einfiel, Unter Leuten, so heißt das Buch, Julie Zeh die Autorin, wir dort besprochen. "Wie schreiben sie?" wird sie gefragt und sie antwortet, ganz entgegen jeder schriftstellerischen Tradition, dass sie einfach darauf losschreibe und dann nach einigen hundert Seiten alles noch einmal durchlese, nachkorrigiere. Wer es ihr nicht glaube, dem könne sie ihr Korrketuranmerkungen zeigen. Sie sagt, dem Menschen ist die Dramaturgie eigen, jeder erzählt Anekdoten dramaturgisch. Darauf kann sie sich velassen, und nachdem sie einmal anders geschrieben und gescheitert sei, bleibe sie dabei, ihre Bücher eben genau so zu verfassen.
Es ist dies der rote Faden, das Gestaltete in einem, das bereits da ist, den Zipfel nur noch fassen und ihm folgen, Kreativität gewähren lassen, Leben lassen, staunend distanziert daneben stehen und entstehen lassen, aus der Tiefe der Kosmos "Gehirn".
Mutig, Mut machend, bestärkend.
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