Sonntag, 28. August 2016

Dixi Klo - Andreas Slominski in den Deichtorhallen

Auf die Ausstellung aufmerksam wurde ich durch einen Artikel im kunstforum. Andreas Slominski ist Professor an der HfbK in Hamburg. Ausgehend von einem Phänomen im öffentlichen Raum, dem Dixieland Klo, entwickelt er Ausstellungsstücke rund um dieses Element.

Gestern war der letzte Ausstellungstag. So entschied ich mich Samstag adhock noch diese Ausstellung anzusehen, versprach sie doch auch einen künstlerischen Umgang mit dem Raum. Ich stolperte mitten hinein und hatte die Gelegenheit noch an einer öffentlichen Führung teilzunehmen.

Ich nehme es vorweg: Was als Eindruck am Ende dieses Besuches verblieben ist, ist ein Fragezeichen. Ist das Kunst? Lassen sich die Objekte und Plastiken entschluesseln ohne Führung oder Lektüre der Ausstellungstexte? Ist die Erklärung, die ich erhielt, hinreichend für die Kunstobjekte? Wenn ja, worin liegt der künstlerische Akt, wenn alles Kalkül und individuelle Assoziation ist?

Parallel entsteht ein anderes Bild. Das Bild eines Tabus. Das Tabu der Exkremente. Exkremente, die uns Menschen in den Kreis der Lebewesen stellen. Die Dixiklos aber sind in ihrer Plastikfabrikation der Versuch die unsaubere Seite unserer Existenz stapelbar zu machen, normierbar. Den Akt des Toilettengangs zu entsinnlichen und auf ein schnöden Geschäft zu reduzieren. In die eine oder andere der Toilettenhäuser kann der Besucher hineingehen. Die Führerin durch die Ausstellung motiviert die Besucher in einer roten oder blauen Plastiktoilette dieses Raumerlebnis einmal bewusst wahrzunehmen. Das mache ich. Und mir wird um so bewußter, dass dieser Plastikraum kein Erlebnis ist. Es ist ein leboser, unmenschlicher Kasten in dem sich die Norm einer billigen Produktion äußert und der Menschen, der hier eines seiner intimsten Geschäfte verrichten sollt sich mit Scham bekleckert. Und nicht nur dass, dieses Intimste wird zu einer maschinellen Produktion, die am besten ganz ohne Aufmerksamkeit für die Handlung selbst möglichst schnell erledigt werden sollte.

Tabu.

Für mich kreist die Ausstellung um dieses Tabu, oder mehr noch darum, wie die Materialien und Produktionsverfahren sich unserer Sinnesräume annrhmen, sie bestimmen ergreiften, benoten und werten. Wiederholt nutzt der Künstler die Möglichkeit eine Palette und einen Pinsel in den Fertigungsprozess der Toiletten einzuspeisen. Auch Marienbilder entstehen so als Abdrücke, als Plastiken in modernem zeitgenössischem Plastik in Blau oder Grün.
Die Elemente haben Symbolcharakter und verweisen auf Inhalte, die Allgemeingut  repräsentieren sollen. Unbefleckte Empfängnis. Der von Gottes Geist inspirierte Künstler, der die Kreativität aus einem sauberen Himmelsraum empfängt.

An anderer Stelle dann eine Milchkanne und Klopapierrollenhütchen, gehäkelt. Fast zu persönlich, lässt sich hier für mich doch kein gesamtgesellschaftlicher Bezug mehr herstellen, ausser dem einen: egal wer du bist, beim Klogang sind wir alle gleich, genau wie im Tod, und jeder Besitz oder Erfolg haben an diesem Punkt keine Bedeutung mehr. Aber ist dann nicht die gesamte Ausstellung zu lesen wie ein Buch mit mehreren Kapiteln? Und erst an dessen Ende wird erkenntlich, was gemeint ist. Dann ist die Ausstellung an sich das Kunstwerk, nicht aber die Einzelobjekte alleine.

Ist es dann ein Kunstwerk? Ist Kunst der Prozess selbst, den der Künstler durchläuft, wenn er sich eines Objektes oder Themas annimmt und all seine möglichen Facetten durchdekliniert, sie anreichert mit eigenen Erfahrungen und in alle Richtungen auslotet? Oder ist dieser Prozess nicht erst nur der Weg um Werk, den jeder Künstler durchlaufen muss? Den Prozess der Einfühlung. Auseinanderdetzung, dem der kreative Moment der Stille folgt, in dem dann eine neue Bildschärfe entsteht, die alles Gewonnene in sich zu neuer Ordnung vereint? Oder ist es das was wir heute als Kunst verstehen, weil wir Menschen diese Prozesse nicht mehr durchlaufen? Weil Produkte nicht mehr interessant sind und der Prozess einen neuen Wert erhält?


War es die Führung durch die Ausstellung, die das Kunstwerk durch die Analyse zerstört hat oder hat sich da ein Professor über den Kunstbegriff lustig gemacht?

Eine Ausstellung, die mich herausfordert, über den Kunstbegriff nachzudenken. Die auch deutlich macht, wie sehr sich Kunst seit den vergangenen 25 Jahren gewandelt hat.

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