Donnerstag, 2. Juni 2016

... und eine Welt noch

Hanne Darboven

Ausgangspunkt für eine Ausstellung im Kunstverein in Hamburg. In der Ankündigung eine unscheinbare Austellung. Fasziniert bin ich auf den ersten Blick von den Ausstellungsobjekten, denen allen das Zeichenhaftige gemein ist. Das ist etwas für mich. Ich überfliege nur den Ankündigungstext und merke mir den Tag, an dem die nächste Führung durch die Ausstellung angeboten wird und verabrede mich mit meiner Freundin zu einem gemeinsamen Besuch.

Eine Stunde vor der Führung treffen wir ein, schauen uns um, lesen die Begleittexte und tauschen uns aus. Einiges bleibt rätselhaft, einiges ist interessant. Klar ist, hier ist die Kunst nicht einfach wie ein leckeres Bonbon im vorbeigehen aufzunehmen. Denken und verstehen, Bezüge finden scheint ein Teil des Aufnahmeprozesses zu sein. In dieser ersten Annähreung vergeht die Zeit wie im Fluge. Dann ist es Zeit und mit zwei weiteren Personen haben wir das große Glück an einer sehr individuellen Führung durch die Ausstellung teilnehmen zu können.

Auf sehr kleinem Raum sind rund 40 Exponate ausgestellt. Im Zentrum der Ausstellung, direkt in der Eingangshalle ist in Auszügen ein Werk von Hanne Darboven aufgestellt. ... und eine Welt noch. Aus den über 400 Blättern, die zu diesem Werk gehören hat die Kuratorin einige ausgewählt und in einer Vitrine ausgestellt. Wir haben die Möglichkeit uns über Notenblätter zu beugen, Spiegelartikel zu lesen und Ihre Blätter aus der Nähe zu studieren. Das unpersönliche Ihres Werkes schwindet. Ich erfahre auf einmal, wie persönlich ihr Schaffen ist. Hanne Darboven wählt aus, sie setzt Fragmente, die Bedeutungen enhalten, die ihr wichtig sind, in eine Sammlung und schafft durch die Zusammenstellung eine eigene Aussage.

Alle weiteren Werke dieser Austellung nehmen in enger oder weiter Verbindung, bewußt oder unbewußt Bezug auf Hanne Darboven, oder vielmehr auf ihre künstlerischen Strategien. Die folgende Führung zeigt auf, welche Strategien in einer Auswahl von ca. 20 Werken von den Künstlern verfolgt werden, um ihre Aussage zu kommunizieren und in welcher Weise diese Strategien mit denen von Hanne Darboven vergleichbar sind.

Da hängen Blätter mit einem Kommentar. Ein Zitat eines Künstlers über sich selber. Dieses Zitat wird mehrmals verändert, einfach durch Weglassen von Worten, Auslassungen und eine neue Welt entsteht in jedem Blatt.

Eine andere Arbeit eines jungen Hamburger Künstlers ist eine Kartierung über das ganze Jahr. Ort und Befindlichkeit, Umwelt werden dokumentiert. Sukkzessive entsteht eine Legende, die immer das ergänzt, was als Teil der Kartierung noch nicht erfasst wurde. Der Rahmen frei und doch eng begrenzt, denn kartiert wird nur, was im persönlichen Erfassen möglich ist. Der Ausschnitt einer Weltsicht. Vor diesem Werk stehend, das ein in 365 Segmente geteilter Kreis ist, der mit Bunstift farblich angelegt und durch Kommentare in Bleistift fein geschrieben am äußeren Rand des Kreises ergänzt ist, ist ein Bild. Drei Jahre wurden kartiert, drei Bilder entstanden. Und es geht eine Faszination davon aus.

Im großen Raum liegen auf mehreren Tischen große Bücher, in denen Zeitungen eines Tages archiviert wurden. Der Besucher darf blättern. Im Blättern und lesen erschließt sich die Information eines Tages, die Wichtigkeit bestimmter Informationen, die Person in der eigenen Auswahl der Personn kommt hinzu. Es ist eine bewegliche Arbeit, die im Blättern entsteht, nicht im Betrachten aus der Ferne.

Im hinteren Bereich werfen zwei Diaprojektoren Bilder an die Wand. Bilder von zwei Person. Eine der Personen findet sich jeweils auf dem anderen Bild wieder. im Wechsel wechslen die Bilder und das folgende Bild zeigt immer wieder eine der beiden Personen auf dem anderen Bild. So ist es wie eine Schlange, die auf unerklärliche Weise von einem Menschen zum anderen schlängelt und Dali mit einem bekannten amerikanischen Golfspieler verbindet, auch wenn beide vielleicht niemals etwas miteinander zu tun hatten. Unsere Systeme und unsere Ordnung bestimmt unseren Blick auf die Welt.

Das ist auch der Hintergrund einer kleinen Fotoarbeit. Sie zeigt acht Fotos. Ein Auszug der Arbeit. Der Künstler hat eine 8 Tagewoche für sich intalliert und diese über die 7 Tage-Woche gelegt. Ich denke an Minimal-Music und fühle ein Schwanken. Austreten aus einer Ordnung schafft unbehagen. Wie weit läßt sich hinaustreten aus festen Regeln? Es ist ein Test.

Die Führung erschließt Werke und schafft die Möglichkeit einen Blick auf diese sonst schwer begreiflichen Arbeiten zu legen, der Annäherung schafft. Kunstgeschichte und künstlerische Strategien, sie sind ein wichtiger Aspekt in der Betrachtung moderner Kunst, denke ich. Ich hatte das vergessen. Und besonders, dass Kunst weit hinausgeht über Sinne, über Bilder, die abbilden oder Gefühle darstellen. Sehr sehr spannend.

Dass wir ES heute finden liegt an ihrem Verschwinden

Gestern im Barlachhaus, oder ist es das Barlach Museum? Hermann de Vries, ein uralter Wurzelzwerg stapft durch den Wald. Alles was ich tue, tut er auch: Denken, wandern, Fundstücke lieben und mitnemen. Nur: Er sammelt, sortiert und stellt aus. Er stellt die Dinge, die er findet so aus, dass der Blick darauf ein besonderer wird, ein philosophischer, einer der die Gedanken anstößt wie eine Böe die Waseroberflöche in Wellen legt. Er ist inmitten der Dinge, inmitten der Natur. Und was im Text erläuternd steht, wäre nicht einmal nötig gewesen: Für Ihn gibt es keine Grenze.

So denke ich: Hier steht einer, der seine Grenzen auflöst. Hier wirkt einer, der eben diese Grenzen gar nicht will, um sich einzufühlen, ohne Worte, ohne Kategorien ohne Naturwissenschaftliches Denken, um sich einzfühlen, verwoben zu sein mit allem. Hier steht einer, der muss nicht deswegen zur Therapie gehen, weil er grenzenlos geworden ist.


Hier ist einer, der sieht und tut, der das, was er findet zeigt und darauf aufmerksam macht. Er spricht mit uns, statt tief in sich diesen unendlichen Schatz der Natur zu verbergen.

Gleichzeitig denke ich: Petrarca stieg auf den Berg und er sah die Landschaft. Humbold fuhr nach Südamerkia und beschriftete den Urwald. Herrmann de Vries in seinem Alter zwar aber doch heute wandert duch die letzten Rest Natur. Gefahr droht ihm nicht mehr, er braucht keine Angst zu haben, keine Liane wird ihn erdrosseln, kein Wildschein zerreissen. Es wandert und findet Natur, die letzten Reste, Fundstücke, es ist ein Aufschrei, es ist eine Distanz die Distanzlosigkeit schafft. Aus der Ferne der Natur in der wir leben rückt sie uns so nah, so sehnsüchtig beobachten wir, so weit entfernt stehen wir von Ihr, dass wir sie betrachten und nicht nachmachen können.

Ich kehre heim, aufgeladen, traurig und gehört zu gleich. Wie oft bin ich durch den Wald gestapft, verzaubert, migenommen, versenkt in Moose, Farne, Rinde, Baumstücke. Hier ist er, der es versteht, diesem Impuls zu folgen, ausatmet, was berührt, zeigt und mitteilt: Eine Antwort auf das findet, was ihn in den Wald treibt, Mitteilung darüber macht, ohne Zweifel.