Im "Kunstforum" gibt es eine Reihe, in der immer wieder Zeichner unserer Zeit vorgestellt werden: "Zeichnen zur Zeit". In einer der letzten Zeitschriften zu diesem Thema wurde Simon Schubert vorgestellt mit seinen wahnsinnigen Falz- und Faltbildern. Abgebildet waren nur wenige Werke in kleinem Format. Ich wollte nicht glauben, dass diese tatsächlich ohne einen Bleistiftstrich nur durch das Falten und Falzen des Papiers einen Raum darstellten, mit filigraner Zarge um die Tür, Lichtreflexen und Kasetten an den Wänden.
Heute endlich war ich dort, in der Kunstsammlung Neubrandenburg. Dann die kleine Kunsteinrichtung in Neubrandenburg hat diesen Künstler eingeladen, seine Arbeiten hier auszustellen. Das wollte ich unbedingt sehen. Die Räume zur Straße waren abgehangen. Über den großen, weißen Bilden hingen Strahler, die das Licht über die gefalteten Blätter führten. Aus dem Nichts, so scheint es, entsteht Raum. Der Eindruck beim Anschauen wankt zwischen optischer Täuschung, dem Impuls, anzufassen oder in den Raum zu steigen und einer Atmosphäre des Immateriellen. Fasziniert habe ich auf der Bank gesessen, die Besuchern eine ruhige Betrachtung dieser weißen, stillen Bilder ermöglicht.
Seit 2010 hat Schubert Papierbilder dieser Art gefertigt. Zumindest hängen im letzten Ausstellungsraum Werke aus diesem Jahr, denen ich meinte anzumerken, dass es die ersten sein müßten, da die Virtuosität des Handwerks noch nicht so brilliant wie in den folgenden Bildern war, dafür aber das Bildthema magisch - magisch für die Umsetzung in Papierfalztechnik. Dargestellt ist ein Blick in einen Raum mit Petersburer Bildhängung: Bilderrahmen mit Profil im alten Stil, offenbar verglast, denn in den Rahmen zeigen sich die Spiegelungen des Fußbodens, andere Bilder von der gegenüberliegnden Wand oder des Türrahmens. In der Spiegelung eröffnet sich in Fragmenten der Raum, in den man blickt. Es bleibt ein Puzzle, das nie vollständig sein wird.
Ich finde das großartig. Statt akribisch alles nachzuzeichnen und in realistischer Art abzubilden wird er handwerklich und schafft, ähnlich wie bei den Spiegelungen, eine zweite Anschauungswelt, die ebenso ungreifbar ist, wie die Spiegelungen.
Wunderbare Gewölbe und ein reich verzierter Spiegeltisch sind ebenso Thema der Bilder wie der Blick durch ein Fenster auf eine Dünenlandschaft. Es ist eine Welt für sich, so still, und sie entzieht sich der Greifbarkeit, entsteht sie doch nur durch den Einfall des Lichts.
Im Raum III der Sammlung hat Schubert den "Brandraum" eingerichtet. Alle Wände sind mit Papier ausgekleidet, das dick und unduchsichtig mit Graphit geschwärzt wurde. Im unteren Drittel sind die Blätter gefaltet und bieten die Illusion, hier seien Kassetten an den Wänden. In der Mitte ein rechteckiges Podest auf Tischhöhe. Keramik-Reste, Fundstücke aus Porzuellan sind hier präsentiet auf schwarzem Untergrund. An vier Wänden leuchten, zeichnerisch ausgearbeitet, gefräßige Flammen aus dem schwarzen Graphit, schlagen durch Holzfensterrahmen die sie langsam aufressen. Die Installation nimmt Bezug auf einen Brand im Jahr 1945. Die Keramik-Teile stammen aus dem Gebäude.
Eine Installation befindet sich auch in einem weiteren Raum. Ein roter, übermannshoher Samtvorhang umgiebt ein Rechteck im Raum. Durch einen Spalt im Vorhang schlüpfe ich in sein Inneres. Hier befindet sich eine Figur in Lebensgröße, die an einem Tisch lehnt und sich einem Rahmen zuwendet, in dem Glühbirnen leuchten, wie in einer Garderobe im Theater. Die Person trägt ein schwarzes Kleid und hat schillernd schwarze Haare. Mir wendet sie den Rücken zu und scheint durch den Rahmen in den Spiegel zu schauen, die Hände seitlich an den Tischkanten abgestützt. Ich schaue in den Spiegel. Dort sehe ich die gleiche Person wie vor mir. Ich sehe sie von hinten, sie leht am Tisch, schwarze, schillernde Haare statt eines Gesichtes "blicken" mir entgegen. Es braucht eine Weile, in der mein Blick zwischen der Person hier im Raum vor mir und im "Spiegel" hin und herwandert. Mein Kopf arbeitet. Das ist kein Spiegel. Ich schaue auf die Person im anderen Raum und habe das Gefühl selber die Person zu sein, die vor mir steht. Das erwartete Gegenüber bleibt aus, der Blickwinkel verschiebt sich. Ich bin hier und gegenüber?
Mein Rundgang war kurz. Ich bin fasziniert und finde wieder einmal, dass Weiß und Schwarz so viel zu sagen haben.
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