Sonntag, 29. Januar 2017

Verkehrte Welt ?

Es ist einige Zeit her, es war im August letzten Jahres, da bin ich auf Wunsch meines Freundes in eine mittelalterliche Ausstellung gegangen. "Verkehrte Welt". Auf der Webseite des Bucerius Kunstforums fand ich Kupferstiche mit grotesken Figuren. Hieronymus Bosch wurde aufgerufen. Ach ja, der ...

Gesehen habe ich kein einziges Bild von Hieronymus Bosch. Die viele Werke seiner Nachfolger bildern das Gerüst der Ausstellung. Die Ausstellung  interpretiert in den Bild begeleitenden Kommentaren die Inhalte sozialgeschichtlich und stellt den Zusammenhang zwischen Bildinhalten und der Entwicklung der bürgerlichen Moral und Tugend auf Grundlage christlicher Vorstellungen her.

Die Bilder zeigen den mittelalterlichen Alltag mit Lust und Laster, Gier und Niedertracht. Skurrile Figuren und grotestke Begebenheiten, sadistische Umgangsformen und Foltermethoden wirken aus der zeitgeschichtlichen Ferne wie der Output eines irren Kreativen.

Das neu entstehende städtische Bürgertum entwickelt derzeit einen Wertekanon, der auch gesellschaftliche Umgangsformen enthielt. Vernunftmässige Lebensführung, Selbstbeherrschung, Durchhaltevermögen nach dem Vorbild religiöser Personen. Verantwortungsbewusst, rational beherrscht und beherrschbar, verständig, so solllte der Mensch sein. Das Gegenteil wird durch den Narren verkörpert, der unmoralisch ist, irrational, unbeherscht, impulsiv und asozial, unbeherrschbar, töricht und vernunftwidrig handelnd.

Ich begegne den Wurzeln uralter, noch heute gültiger Moralvorstellungen. So sind die Bilder aktuell, z.B. wenn es um die Arbeitslosigkeit geht oder wenn die fremden Kulturen, die in diesen Tagen ein unbekannt, ungewohntes Weltbild und eine Lebensweise nach Deutschland tragen. Der wertende Blick ist oft durch eine lange Tradition christliche Tugenden und Moral bestimmt.

Die Tugenden des Christentums sollten damals wider die Laster des Mittelalters wirken und die Bilder als Medium für Menschen dienen, die der Sprache in Schriftform noch nicht mächtig waren. Gleichzeit wurden aber auch Bilder in den guten Stuben aufgehängt und erfüllten dort ihre mahnende Vorbildfunktion. Peter Breughel schuf in der Nachfolge von Hieronymus Bosch das Werk "Die sieben Todsünden". Handlungsanweisungen für eine Lebensführung werden durch die Darstellung von Sünden und Tugenden greifbar und dienen der Sozialdisziplinierung und unterstützen die Herausbildung eines Verhaltenskodexes im 16. Jhdt. Tafelmanieren wurden ab 1550 als Druckgraik vertrieben und vom Bürgertum gekauft, welches sich durch sie ihrer eigenen Identität verischerte.

Passend fand ich dazu im letzten Jahr auch einen Artikel im Kunstforum Bd. 240 ("Get Involved Partizipation als küsntlerische Strategie") von Christian Kupke: "Vom Theatrum sacrum bis Toontown". Er zeigt auf, dass partizipative Strategien in der Kunst kein modernes Phänomen sind sondern bereits in der Zeit der Gegenreformation entwickelt wurden. Für mich schlägt er die Brücke von Hieronymus Bosch zu Kunstwerken, die Marketing als künstlerische Strategie nutzen.

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