Den Newsletter beziehe ich schon gefühlt mehrere Jahre. Monatlich finden Konzerte statt. Noch nie hat es gepasst. Nun, zwischen Weihnachten und Neujahr, wieder das Jahresausklangfestival. Beginn 22 Uhr.
Wir machen uns gegen 21.50 Uhr auf den Weg zum B-Movie, dort, wo die Hörbar ihr Festival angesiedelt hat.
Über die Stresemannstraße mit km/h 30 schleichen, dann rechts in die Bernstorffstraße abbiegen. Kaum zu glauben, an einer der Straßenecken finden wir einen Parkplatz, direkt vorm Buddhistischen Zentrum in der Thadenstraße. ... Nein, hier ist die Hörbar nicht, stellt Franjo fest. Ein Blick auf das Handy, die Karte vom B-Movie und wir begeben uns auf den Weg in die Brigittenstraße. Noch immer suchen wir und plötzlich prangt die Lichtreklame leuchtend gelb fast über uns: KINO. Zwei Typen vor dem Eingang der benachbarten Kneipe sehen, das wir etwas suchen und schicken uns um die Ecke in den Hinterhof. Links an der Wand gesprayte Bilder mit Parolen. Vor uns Kübelpflanzen im winterlichen Graubraun, eingehüllt in Luftpolsterfolie. Wir biegen um die Ecke. Das ist der Eingang zum B-Movie.
Franjo braucht erstmal einen Kaffee, also auf zur Theke. 50 Cent kostet der, wie auch die Selters. Ich kanns nicht abwarten, ist ja auch schon halb elf. "Ich geh schon mal rein" sag ich also. Mache die Tür auf, hinter der ich kurz vorher jemanden verschwinden sah und bei deren Öffnen mir Musik entegenschallt. Dunkel dahinter. Ich gehe hinterher. Dunkle Stufen hinauf. Elektronische Musik empfängt mich, rhythmisch. Dann, als ich ein paar Stufen haochgestiegen bin, kann ich auch über die Kinositze der letzten Reihe hinwegschauen. Ein kleiner Kinosaal, echt offoff - und voll. Still sitzen hier Leute. Unten auf der Bühne sitzt an einem Tisch eine grün gekleidete Frau mit schwarzen Haaren und einer roten Brille. Völlig unspektakulär. Zwei Laptops auf den Tischen vor ihr, einige Schaltpulte, eine Rose... Dort wo sonst der Film läuft eine Viedoperformance, die mit den elektronischen Klängen verbunden ist und die sich irreal nach der Musik rhythmisch verändernde Bildsequenzen einer Naturumgebung zeigt. Margeriten, Reitgras, Bambus. Die Rose taucht im Hintergrund der Bilder auf. Bäume im Wasser werden zu schwarzen verzerrten Strichen, die innerlich leuchten ...Ganz ruhig sitzt sie dort unten, Ms. Axint.
Dann ist schon Schluss. Applaus und Begeisterung im Publikum. "20 Minuten Pause" sagt die Frau, "die brauchen wir zum umbauen, dann gehts weiter." Draußen treffe ich Franjo wieder. Wir gehen in den Hof, er raucht, still, wie erbeten, da sonst die Nachbarn aufwachen. Von drinnen dröhnt lautes Gerede in den Hof, denn die Tür bleibt offen stehen. Eine Zigartettenlänge, dann gehen wir in den Kinosaal. Auf der Bühne agieren schon zwei junge Männer, sehr jung, ein Mini-Tonstudio rechts auf dem Boden, ein Micro in der Mitte, einer der beiden sitzt daran, im Schneidersitz, und breitet Blätter im Halbkreis um sich aus.
Bilder im Hintergrund, Ton und Krachfetzen fliegen, zerstäuben jedes Wort, durchfahren den klaren Gedanken. Immer wieder wiederholt. Beständig. Ich denke an S Bahn und Straßenlärm, an Medien und Radio, an unsere Welt, die so verzerrt ist, so durchgewühlt wie die Krachmacher. Die Bilder im Hintergrund wären in Zeiten des LSD-Konsums klar zuzuordnen, farbenfroh, formenreich, ohne Zentrum, ein Strom von Eindrücken ist in Farbe und Striche geflossen und bildet den leuchtenden immer wieder wechselnden Hintergrund der Performance. Harter Tobak. Die ersten gehen. Die jungen Menschen machen weiter. Die nächsten gehen. Ich bleibe. Ich finde es großartig. (Künstler: Felix Baumann und Roland Wendling)
Noch eine weitere Prefomrance wird gezeigt. Wieder braucht es Zeit, die Installationen richtig aufzubauen und zu justieren. Gauthier Keyaerts ist eingeladen. Er zeigt seine Fragments#43-44. Es ist eine Performance, in der digitales Bild und virtueller Raum und reales Handeln interagieren und zum Gesamtwerk verschmelzen. Es ist spacig und galaktisch. Auf einer großen Leinwand erscheinen flirrende weiße Linien auf dunklem Hintergrund. Keyaerts bewegt sich. Seine Gesten scheinen zu beeinflussen, wie sich die Linien ausdehen und zusammenziehen. So ist es. Über einen Sensor und einen Monitor kommuniziert er mit dem digitalen Bild, dass sich immer wieder verändert. Gleichzeitig mit dem Bild erklingen elektronische Geräusche, Laute, mal klangvoll, mal abgerissen, mals morsend oder fiepsend. Sie verändern sich ebenfalls durch seine Interaktion mit dem Computer. Er führt den Prozess, steht frei im Raum und interagiert über Gesten. Diese scheinbar, da keine kommunizierende Person ihm gegenüber steht, bezugslosen Gesten, der elektronisch, zerissene Klang und das Bild bestimmen diese Performance und beeindrucken. Zuerst scheint es skurril oder spinnert. Dann tauche ich selber ein in die Bilder, die ungewohnten Klänge und Bewegungen und die Faszination schwappt über. Das große Thema "Kommunikation mit dem Computer" oder die Frage "Wie entwickelt sich die digitale Welt" ist hier zum greifen nahe positiv besetzt. Die Angst vor der Macht des Mediums ist hier nicht anwesend. Statt desses spüre ich die Faszination am Ausloten der Möglichkeiten und dem Überschreiten von Grenzen der Darstellung, auch der Darstellung der eigenen Gedanken und Befindlichkeiten hinein in einen neuen Raum der Ausdrucksmöglichkeiten. Science Fiction.
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