Hanne Darboven
Ausgangspunkt für eine Ausstellung im Kunstverein in Hamburg. In der Ankündigung eine unscheinbare Austellung. Fasziniert bin ich auf den ersten Blick von den Ausstellungsobjekten, denen allen das Zeichenhaftige gemein ist. Das ist etwas für mich. Ich überfliege nur den Ankündigungstext und merke mir den Tag, an dem die nächste Führung durch die Ausstellung angeboten wird und verabrede mich mit meiner Freundin zu einem gemeinsamen Besuch.
Eine Stunde vor der Führung treffen wir ein, schauen uns um, lesen die Begleittexte und tauschen uns aus. Einiges bleibt rätselhaft, einiges ist interessant. Klar ist, hier ist die Kunst nicht einfach wie ein leckeres Bonbon im vorbeigehen aufzunehmen. Denken und verstehen, Bezüge finden scheint ein Teil des Aufnahmeprozesses zu sein. In dieser ersten Annähreung vergeht die Zeit wie im Fluge. Dann ist es Zeit und mit zwei weiteren Personen haben wir das große Glück an einer sehr individuellen Führung durch die Ausstellung teilnehmen zu können.
Auf sehr kleinem Raum sind rund 40 Exponate ausgestellt. Im Zentrum der Ausstellung, direkt in der Eingangshalle ist in Auszügen ein Werk von Hanne Darboven aufgestellt. ... und eine Welt noch. Aus den über 400 Blättern, die zu diesem Werk gehören hat die Kuratorin einige ausgewählt und in einer Vitrine ausgestellt. Wir haben die Möglichkeit uns über Notenblätter zu beugen, Spiegelartikel zu lesen und Ihre Blätter aus der Nähe zu studieren. Das unpersönliche Ihres Werkes schwindet. Ich erfahre auf einmal, wie persönlich ihr Schaffen ist. Hanne Darboven wählt aus, sie setzt Fragmente, die Bedeutungen enhalten, die ihr wichtig sind, in eine Sammlung und schafft durch die Zusammenstellung eine eigene Aussage.
Alle weiteren Werke dieser Austellung nehmen in enger oder weiter Verbindung, bewußt oder unbewußt Bezug auf Hanne Darboven, oder vielmehr auf ihre künstlerischen Strategien. Die folgende Führung zeigt auf, welche Strategien in einer Auswahl von ca. 20 Werken von den Künstlern verfolgt werden, um ihre Aussage zu kommunizieren und in welcher Weise diese Strategien mit denen von Hanne Darboven vergleichbar sind.
Da hängen Blätter mit einem Kommentar. Ein Zitat eines Künstlers über sich selber. Dieses Zitat wird mehrmals verändert, einfach durch Weglassen von Worten, Auslassungen und eine neue Welt entsteht in jedem Blatt.
Eine andere Arbeit eines jungen Hamburger Künstlers ist eine Kartierung über das ganze Jahr. Ort und Befindlichkeit, Umwelt werden dokumentiert. Sukkzessive entsteht eine Legende, die immer das ergänzt, was als Teil der Kartierung noch nicht erfasst wurde. Der Rahmen frei und doch eng begrenzt, denn kartiert wird nur, was im persönlichen Erfassen möglich ist. Der Ausschnitt einer Weltsicht. Vor diesem Werk stehend, das ein in 365 Segmente geteilter Kreis ist, der mit Bunstift farblich angelegt und durch Kommentare in Bleistift fein geschrieben am äußeren Rand des Kreises ergänzt ist, ist ein Bild. Drei Jahre wurden kartiert, drei Bilder entstanden. Und es geht eine Faszination davon aus.
Im großen Raum liegen auf mehreren Tischen große Bücher, in denen Zeitungen eines Tages archiviert wurden. Der Besucher darf blättern. Im Blättern und lesen erschließt sich die Information eines Tages, die Wichtigkeit bestimmter Informationen, die Person in der eigenen Auswahl der Personn kommt hinzu. Es ist eine bewegliche Arbeit, die im Blättern entsteht, nicht im Betrachten aus der Ferne.
Im hinteren Bereich werfen zwei Diaprojektoren Bilder an die Wand. Bilder von zwei Person. Eine der Personen findet sich jeweils auf dem anderen Bild wieder. im Wechsel wechslen die Bilder und das folgende Bild zeigt immer wieder eine der beiden Personen auf dem anderen Bild. So ist es wie eine Schlange, die auf unerklärliche Weise von einem Menschen zum anderen schlängelt und Dali mit einem bekannten amerikanischen Golfspieler verbindet, auch wenn beide vielleicht niemals etwas miteinander zu tun hatten. Unsere Systeme und unsere Ordnung bestimmt unseren Blick auf die Welt.
Das ist auch der Hintergrund einer kleinen Fotoarbeit. Sie zeigt acht Fotos. Ein Auszug der Arbeit. Der Künstler hat eine 8 Tagewoche für sich intalliert und diese über die 7 Tage-Woche gelegt. Ich denke an Minimal-Music und fühle ein Schwanken. Austreten aus einer Ordnung schafft unbehagen. Wie weit läßt sich hinaustreten aus festen Regeln? Es ist ein Test.
Die Führung erschließt Werke und schafft die Möglichkeit einen Blick auf diese sonst schwer begreiflichen Arbeiten zu legen, der Annäherung schafft. Kunstgeschichte und künstlerische Strategien, sie sind ein wichtiger Aspekt in der Betrachtung moderner Kunst, denke ich. Ich hatte das vergessen. Und besonders, dass Kunst weit hinausgeht über Sinne, über Bilder, die abbilden oder Gefühle darstellen. Sehr sehr spannend.
Donnerstag, 2. Juni 2016
Dass wir ES heute finden liegt an ihrem Verschwinden
Gestern im Barlachhaus, oder ist es das Barlach Museum? Hermann de Vries, ein uralter Wurzelzwerg stapft durch den Wald. Alles was ich tue, tut er auch: Denken, wandern, Fundstücke lieben und mitnemen. Nur: Er sammelt, sortiert und stellt aus. Er stellt die Dinge, die er findet so aus, dass der Blick darauf ein besonderer wird, ein philosophischer, einer der die Gedanken anstößt wie eine Böe die Waseroberflöche in Wellen legt. Er ist inmitten der Dinge, inmitten der Natur. Und was im Text erläuternd steht, wäre nicht einmal nötig gewesen: Für Ihn gibt es keine Grenze.
So denke ich: Hier steht einer, der seine Grenzen auflöst. Hier wirkt einer, der eben diese Grenzen gar nicht will, um sich einzufühlen, ohne Worte, ohne Kategorien ohne Naturwissenschaftliches Denken, um sich einzfühlen, verwoben zu sein mit allem. Hier steht einer, der muss nicht deswegen zur Therapie gehen, weil er grenzenlos geworden ist.
Hier ist einer, der sieht und tut, der das, was er findet zeigt und darauf aufmerksam macht. Er spricht mit uns, statt tief in sich diesen unendlichen Schatz der Natur zu verbergen.
Gleichzeitig denke ich: Petrarca stieg auf den Berg und er sah die Landschaft. Humbold fuhr nach Südamerkia und beschriftete den Urwald. Herrmann de Vries in seinem Alter zwar aber doch heute wandert duch die letzten Rest Natur. Gefahr droht ihm nicht mehr, er braucht keine Angst zu haben, keine Liane wird ihn erdrosseln, kein Wildschein zerreissen. Es wandert und findet Natur, die letzten Reste, Fundstücke, es ist ein Aufschrei, es ist eine Distanz die Distanzlosigkeit schafft. Aus der Ferne der Natur in der wir leben rückt sie uns so nah, so sehnsüchtig beobachten wir, so weit entfernt stehen wir von Ihr, dass wir sie betrachten und nicht nachmachen können.
Ich kehre heim, aufgeladen, traurig und gehört zu gleich. Wie oft bin ich durch den Wald gestapft, verzaubert, migenommen, versenkt in Moose, Farne, Rinde, Baumstücke. Hier ist er, der es versteht, diesem Impuls zu folgen, ausatmet, was berührt, zeigt und mitteilt: Eine Antwort auf das findet, was ihn in den Wald treibt, Mitteilung darüber macht, ohne Zweifel.
So denke ich: Hier steht einer, der seine Grenzen auflöst. Hier wirkt einer, der eben diese Grenzen gar nicht will, um sich einzufühlen, ohne Worte, ohne Kategorien ohne Naturwissenschaftliches Denken, um sich einzfühlen, verwoben zu sein mit allem. Hier steht einer, der muss nicht deswegen zur Therapie gehen, weil er grenzenlos geworden ist.
Hier ist einer, der sieht und tut, der das, was er findet zeigt und darauf aufmerksam macht. Er spricht mit uns, statt tief in sich diesen unendlichen Schatz der Natur zu verbergen.
Gleichzeitig denke ich: Petrarca stieg auf den Berg und er sah die Landschaft. Humbold fuhr nach Südamerkia und beschriftete den Urwald. Herrmann de Vries in seinem Alter zwar aber doch heute wandert duch die letzten Rest Natur. Gefahr droht ihm nicht mehr, er braucht keine Angst zu haben, keine Liane wird ihn erdrosseln, kein Wildschein zerreissen. Es wandert und findet Natur, die letzten Reste, Fundstücke, es ist ein Aufschrei, es ist eine Distanz die Distanzlosigkeit schafft. Aus der Ferne der Natur in der wir leben rückt sie uns so nah, so sehnsüchtig beobachten wir, so weit entfernt stehen wir von Ihr, dass wir sie betrachten und nicht nachmachen können.
Ich kehre heim, aufgeladen, traurig und gehört zu gleich. Wie oft bin ich durch den Wald gestapft, verzaubert, migenommen, versenkt in Moose, Farne, Rinde, Baumstücke. Hier ist er, der es versteht, diesem Impuls zu folgen, ausatmet, was berührt, zeigt und mitteilt: Eine Antwort auf das findet, was ihn in den Wald treibt, Mitteilung darüber macht, ohne Zweifel.
Freitag, 20. Mai 2016
Lee Miller im Martin Gropius Bau Berlin
Aufmerksam wurde ich auf diese Ausstellung durch einen Artikel in der Jungen Welt. Die Fotografin lernte bei Man Ray, lebte eine Zeit mit diesem zusammen. Beschrieben wurde, dass sie Fotos ihres Lehrers, die dieser verwarf, zu ihren eigenen Werken machte, indem sie einen besonderen Ausschnitt wählte, durch den der Fokus anders gesetzt wurde. Während des zweiten Weltkrieges war sie eine der fünf Kriegsberichterstatterinnen der USA. Das machte mich hellhörig. Was treibt eine Frau dazu, den Krieg zu dokumentieren? All das Greul zu sehen und sich in Gefahr zu begeben? Denn sie soll während der Befreiung Deutschlands die Situation in den KZ s ganz ohne Distanz dargestellt haben.
Für Fotos bin ich nicht zu haben. Aber diese Frau interessierte mich. Also ab nach Berlin.Nicht nur ich, viele Besucher waren an diesem Sonntag in der kleinen, feinen Ausstellung.
Sie zeigt die Fotos aus der Anfangszeit. Aufgefallen sind mir die Fotos von Frauen. In diesen zeigt sie mehr als den Menschen, seine Schönheit. Die Bilder hinterfragen Gesellschaft, das Bild der Frau. Ich bin beeinduckt, dass dies mit einem Foto möglich ist. Modefotos für das Magazin Vogue in England zeigen gut gekleidete Frauen in Ruinen. Die zwei Welten Krieg und das Festhalten am Alltagsleben sind auch für mich als Betrachterin kaum vereinbar. Auf einem späteren Foto aus Wien zeigt sie eine Opernsängerin in den Trümmern der Oper, singend. Nicht aufgeben, was lebenswert ist. So klingt es und gibt die Erklärung für den Alltag in der Zerstörung.
Schon die Trümmer Bilder berühren mich. Ich fühle mich inmitten dieses Wahnsinns. Fühle, dass dies, obwohl Geschichte, Teil von mir ist. Teil meiner Eltern, unbewusste Erfahrung, die hier im Bild Wahrheit wird.
Schließlich komme ich zu den Bildern, die Miller machte, als die Amerikaner Deutschland befreiten. KZ Dachau. Leichenberge. Als sei das Leben niemals in diesen Körpern zu Hause gewesen. Verachtung des Menschlichen spricht seine Sprache durch diese Fotos. Den Tränen nahe, mancher hier weint still beim Anblick der Bilder, die ein Teil der Wahrheit noch heute fühlen lassen. Gezeigt wurden die deutlichen Bilder, wenn, dann in den USA. England hielt sie für zu drastisch, wollte sie den Lesern nicht zumuten.
Ich verlasse die Ausstellung schweigend. Berührt und fasziniert gleichzeitig. Berührt von den Emotionen im Foto, die Fragen und Gedanken die diese anzuregen vermögen. Beeindruckt davon, was Fotografie ist. Interessiert daran, was sie zu vermitteln vermag, was ein gemaltes Bild oder eine Zeichnung nicht darstellen kann.
Für Fotos bin ich nicht zu haben. Aber diese Frau interessierte mich. Also ab nach Berlin.Nicht nur ich, viele Besucher waren an diesem Sonntag in der kleinen, feinen Ausstellung.
Sie zeigt die Fotos aus der Anfangszeit. Aufgefallen sind mir die Fotos von Frauen. In diesen zeigt sie mehr als den Menschen, seine Schönheit. Die Bilder hinterfragen Gesellschaft, das Bild der Frau. Ich bin beeinduckt, dass dies mit einem Foto möglich ist. Modefotos für das Magazin Vogue in England zeigen gut gekleidete Frauen in Ruinen. Die zwei Welten Krieg und das Festhalten am Alltagsleben sind auch für mich als Betrachterin kaum vereinbar. Auf einem späteren Foto aus Wien zeigt sie eine Opernsängerin in den Trümmern der Oper, singend. Nicht aufgeben, was lebenswert ist. So klingt es und gibt die Erklärung für den Alltag in der Zerstörung.
Schon die Trümmer Bilder berühren mich. Ich fühle mich inmitten dieses Wahnsinns. Fühle, dass dies, obwohl Geschichte, Teil von mir ist. Teil meiner Eltern, unbewusste Erfahrung, die hier im Bild Wahrheit wird.
Schließlich komme ich zu den Bildern, die Miller machte, als die Amerikaner Deutschland befreiten. KZ Dachau. Leichenberge. Als sei das Leben niemals in diesen Körpern zu Hause gewesen. Verachtung des Menschlichen spricht seine Sprache durch diese Fotos. Den Tränen nahe, mancher hier weint still beim Anblick der Bilder, die ein Teil der Wahrheit noch heute fühlen lassen. Gezeigt wurden die deutlichen Bilder, wenn, dann in den USA. England hielt sie für zu drastisch, wollte sie den Lesern nicht zumuten.
Ich verlasse die Ausstellung schweigend. Berührt und fasziniert gleichzeitig. Berührt von den Emotionen im Foto, die Fragen und Gedanken die diese anzuregen vermögen. Beeindruckt davon, was Fotografie ist. Interessiert daran, was sie zu vermitteln vermag, was ein gemaltes Bild oder eine Zeichnung nicht darstellen kann.
Freitag, 22. April 2016
Besuch in Tulln. Entdeckung Egon Schieles
Egon Schiele
... da reise ich nach Tulln um auf der Garten Tulln eine Lizenz zu erwerben ... und keine 50 m neben dem Hotel, in dem ich übernachte, befindet sich das Egon-Schiele-Museum. Der Egon-Schiele-Weg führt an meinem Hotel vom Bahnhof kommend an der Donau entlang direkt dort hin. Ein bischen übertrieben das alles, dieser Hype um Egon-Schiele, denke ich. Der Vater Bahnhofsvorsteher (wars so?) und er der Sohn dieser Stadt.
Nun gut. Meine Schulung ist Fulltime und ich eise mich los, einen Mittag, um wenigstens einen Blick in dieses Museum hineinzuwerfen, das verspricht, einige Originale aus seiner Jugendzeit zu zeigen. Ich trete ein, durch ein gusseisernes Tor, das EGON SCHIELE als Schriftzug darstellt. Es ist das ehemalige Gefängnis von Tulln. In einer der Gefängniszellen finde ich an den Wänden eine Beschreibung des Verfahrens gegen Schiele, der wegen Missbrauchs eines minderjährigen Kindes angeklagt wurde. Ich gehe hinauf in den ersten Stock "ach, nur Geschichte seines Lebensweges", und wieder hinunter, dort wo der Verkaufs-Tresen ist und finde die drei kleinen Räume in denen kleine Ölgemälde von Schiele aufgehängt sind. Kleine Bilder, die mich doch fesseln. Wie herausgerissen werde ich aus der Welt des Denkens meiner Lizenz-Schulung, hineingeschleudert in ein intensive Wahrnehmung von Landschaft und Natur, die er darstellt. Bilder voller Farbe, Rhythmus und in einer Weise auf Karton oder Leinwand gebracht, die einen eigenen Blick zeigt, einen eigenen Ausschnitt des dargestellten wählt: Wo ist der Mittelpunkt der Bilderzählung? Es ist, so finde ich, das Zusammenspiel aller Dinge im Bilde, nicht etwas, das gezeigt wird von ihm, nein, es sind die Häuser, wie sie nebeneinander stehend sich zu einem Ganzen verbinden, der Weg am grünen Zaun entlang mit den Gehwegplatten eine Geschichte erzählt oder die Boote im Hafenbecken sich auftürmen vor eine endlosen Weite. Alles im Bild gehört zusammen, nicht ist nebensächliches Beiwerk. Klein, und vollkommen genug. Ich wandere noch einmal in die Gefängniszelle, lese ein bisschen und hocke mich an die Wand. Von da kann ich die Bilder anschauen, die mit einem Beamer an die Wand geworfen werden: Es sind Zeichnungen, Linien, die Umrisse zeigen, ganz wackelig, unpräzise und doch wieder ganz genau erzählt. Dann ein wenig Aquarell, Tusche, Farbe und alles fügt sich wieder wie Musik zusammen. Dann gehe ich doch noch einmal in den ersten Stock und lese über das Leben dieses seltsamen Menschen. Zeichnen, zeichnen, zeichnen ... Die Schule hat ihn nicht gekriegt. Die Spanische Grippe ließ ihn 1918 oder 1920 mit 28 Jahren sterben, kurz nachedem er durch eine Ausstellung den künstlerischen Durchbruch schaffte und eines seiner Gemälde an ein Museum verkaufte.
Die Linie erzählt. Sie ist genug um alles mitzuteilen, Farbe hie und da, ist ergänzend. Eine ganz andere Art zu zeichnen als bei Picasso oder Hockney. Gefällt mir wirklich gut.
... da reise ich nach Tulln um auf der Garten Tulln eine Lizenz zu erwerben ... und keine 50 m neben dem Hotel, in dem ich übernachte, befindet sich das Egon-Schiele-Museum. Der Egon-Schiele-Weg führt an meinem Hotel vom Bahnhof kommend an der Donau entlang direkt dort hin. Ein bischen übertrieben das alles, dieser Hype um Egon-Schiele, denke ich. Der Vater Bahnhofsvorsteher (wars so?) und er der Sohn dieser Stadt.
Nun gut. Meine Schulung ist Fulltime und ich eise mich los, einen Mittag, um wenigstens einen Blick in dieses Museum hineinzuwerfen, das verspricht, einige Originale aus seiner Jugendzeit zu zeigen. Ich trete ein, durch ein gusseisernes Tor, das EGON SCHIELE als Schriftzug darstellt. Es ist das ehemalige Gefängnis von Tulln. In einer der Gefängniszellen finde ich an den Wänden eine Beschreibung des Verfahrens gegen Schiele, der wegen Missbrauchs eines minderjährigen Kindes angeklagt wurde. Ich gehe hinauf in den ersten Stock "ach, nur Geschichte seines Lebensweges", und wieder hinunter, dort wo der Verkaufs-Tresen ist und finde die drei kleinen Räume in denen kleine Ölgemälde von Schiele aufgehängt sind. Kleine Bilder, die mich doch fesseln. Wie herausgerissen werde ich aus der Welt des Denkens meiner Lizenz-Schulung, hineingeschleudert in ein intensive Wahrnehmung von Landschaft und Natur, die er darstellt. Bilder voller Farbe, Rhythmus und in einer Weise auf Karton oder Leinwand gebracht, die einen eigenen Blick zeigt, einen eigenen Ausschnitt des dargestellten wählt: Wo ist der Mittelpunkt der Bilderzählung? Es ist, so finde ich, das Zusammenspiel aller Dinge im Bilde, nicht etwas, das gezeigt wird von ihm, nein, es sind die Häuser, wie sie nebeneinander stehend sich zu einem Ganzen verbinden, der Weg am grünen Zaun entlang mit den Gehwegplatten eine Geschichte erzählt oder die Boote im Hafenbecken sich auftürmen vor eine endlosen Weite. Alles im Bild gehört zusammen, nicht ist nebensächliches Beiwerk. Klein, und vollkommen genug. Ich wandere noch einmal in die Gefängniszelle, lese ein bisschen und hocke mich an die Wand. Von da kann ich die Bilder anschauen, die mit einem Beamer an die Wand geworfen werden: Es sind Zeichnungen, Linien, die Umrisse zeigen, ganz wackelig, unpräzise und doch wieder ganz genau erzählt. Dann ein wenig Aquarell, Tusche, Farbe und alles fügt sich wieder wie Musik zusammen. Dann gehe ich doch noch einmal in den ersten Stock und lese über das Leben dieses seltsamen Menschen. Zeichnen, zeichnen, zeichnen ... Die Schule hat ihn nicht gekriegt. Die Spanische Grippe ließ ihn 1918 oder 1920 mit 28 Jahren sterben, kurz nachedem er durch eine Ausstellung den künstlerischen Durchbruch schaffte und eines seiner Gemälde an ein Museum verkaufte.
Die Linie erzählt. Sie ist genug um alles mitzuteilen, Farbe hie und da, ist ergänzend. Eine ganz andere Art zu zeichnen als bei Picasso oder Hockney. Gefällt mir wirklich gut.
Dieter Goltzsches Schöne Zeichnungen
Eine halbe Stunde bin ich umgeirrt, die Große Wollweberstraße zu finden. Die Kunstsammlung findet sich in einem grauen Fachwerkhaus mit zwei Stockwerken. Vielversprechend war das Plakat nicht, eher etwas dahingehuscht, ohne Konzentration, fand ich. Nun, ich gehe hin, weil es ein Zeichner ist. Es ist ein alter Zeichner, der Kunst in der DDR studiert hat. Heute muss er über 80ig Jahre alt sein. Ich lasse mich drauf ein, auf das, wass wie 10-Minutenbilder aussieht, dahingehuscht, wie gesagt. Ich stehe da und gucke. Jedes Bild mit Titel. Das hat sogar einen Titel! Aber ich gucke, und die Leichtigkeit und Unbekümmertheit, sie nimmt mich langsam ein. Es ist ein Rhythmus in den Bilder, ein Hingeben an das Innere, das lenkt und die Formen aufs Papier bringt, mal mit feinen Tuschelinien, mal mit dickem ausgefransten Pinsel ganz in schwarz, mal auf einem Fetzen, dann auf einem Bogen Papier. Er lebt inmitten seiner Zeichnungen. Es ist, als sei es eine eigene Schrift, eineSprache, die sich vollkommen von den äußeren Erscheinungen löst und in sich selbst genug ist, zu sprechen, über sich und das was zwischen sich und dem Äußeren dann doch stattfindet. Ich mache die Runde durch die vier Räume und am Ende stehe ich in einem Raum mit feinen Zeichnungen. Ich bin ergriffen wie sehr hier Zeichnung innere Begegnung ist und frei über das Blatt fliegt, bindet, gliedert, zu Neuem fügt und immer ein bischen Wahrheit, wie wir meinen, es gäbe sie, durchscheint. Aber alles ist eine Welt - seine Welt. Wie wundervoll, so unbekümmert und leichtfüßig zu sein, sich so weit zu entfernen vom "richtig abzeichnen" vom "richtigen Bild" vom "Zeichen" so weit weg von aller Vorschrift von allem Vorbild. Schöne Bilder - und so ist es : Schöne Bilder!
Samstag, 9. April 2016
Horst Jansen zwischen Schiffen und Wolken Theater
27.3.2016, Ostersonntag. Unser Weg führt uns ins Altona Museum, mich und meinen Freund. Nach dem tollen Erlebnis am vergangenen Wochenende im Mrützeum nun der Besuch in dem Museum Hamburgs. Eigentlich wollten wir Schiffe gucken, Ewer, Kutter, Barkassen und etwas über die Fischerei, den Fischfang, Schleppnetze und gesalzene Heringe erfahren und dann noch kurz ins Wolkentheater gehen. Aber ganz zufällig war da auch die Ausstellung mit Bildern von Horst Jansen. Typisch Hamburg eben. Also rein in die dunkle Stube. Und wieder stehe ich staunend und begeistert vor Zeichnungen, feinen Farbstifftbildern, Texten, tief aus dem Bauch, voller Intuition. Der kannte nix anderes als Zeichnen. Zeichnen. Zeichnen. Alles Erleben, alles Denken fand in dieser Sprache Übersetzung, jede Regung, jede Erfahrung wurde seismographisch mit der Bleistiftspitze nachgelebt. Bis heute verwahrt und Dokument eines Lebens voller innerer Verdauung und Durchlebung.
Der eine Raum hätte mir bereits gereicht, die Treppen hinunter eröffnet sich ein weiterer. Den aber lasse ich links liegen. Ich verdaue nicht so schnell. In mir wirkt noch, ganz abseits der Bildinhalte, etwas anderes. Die tiefe Überzeugung, das was da in ihm passiert für bare Münze zu nehmen, alles ist wichtig und reicht aus gesagt zu werden. Nichts ist dumm, nicht unsinnig, nicht unwichtig. Keine Wertung in ihm hält irgendetwas zurück. Jedes bischen fügt sich wie ein kleiner Baustein zu seinem ganzen Bild, ganz ungestört, so wie eine Pflanze auf ihrem Wachstumsweg halt genau weiß, welche Zelle auf die nächste folgt, einfach so. Es ist ein Vergnügen und das Bild einer inneren Sicherheit, Vorbild zu trauen, sich selbst zu trauen.
Auf dem Hinweg nach Hamburg schon ist mir das begegnet, als ich im Deutschlandfunk mit einem Mal in eine Gesprächsrunde einfiel, Unter Leuten, so heißt das Buch, Julie Zeh die Autorin, wir dort besprochen. "Wie schreiben sie?" wird sie gefragt und sie antwortet, ganz entgegen jeder schriftstellerischen Tradition, dass sie einfach darauf losschreibe und dann nach einigen hundert Seiten alles noch einmal durchlese, nachkorrigiere. Wer es ihr nicht glaube, dem könne sie ihr Korrketuranmerkungen zeigen. Sie sagt, dem Menschen ist die Dramaturgie eigen, jeder erzählt Anekdoten dramaturgisch. Darauf kann sie sich velassen, und nachdem sie einmal anders geschrieben und gescheitert sei, bleibe sie dabei, ihre Bücher eben genau so zu verfassen.
Es ist dies der rote Faden, das Gestaltete in einem, das bereits da ist, den Zipfel nur noch fassen und ihm folgen, Kreativität gewähren lassen, Leben lassen, staunend distanziert daneben stehen und entstehen lassen, aus der Tiefe der Kosmos "Gehirn".
Mutig, Mut machend, bestärkend.
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